e+i aktuell: Wasserstoff und die Energiewende - Jürgen Rechberger (AVL) im Interview

Energielösungen der Zukunft, aktuelle H2-Aktivitäten und warum auch China nur mit Wasser kocht – darüber hat die e+i Redaktion mit Jürgen Rechberger, Global Vice President Fuel Cell & Energy bei AVL, gesprochen.

e+i: AVL ist der Öffentlichkeit vor allem als Unternehmen bekannt, das sich mit Automobil- und Mobilitätsthemen beschäftigt. Seit wann beinhaltet das AVL-Portfolio auch Energiethemen, und welche Strategie verfolgt das Unternehmen dabei?

Jürgen Rechberger: Wir setzen uns schon seit über zehn Jahren mit Energiethemen auseinander, und das in letzter Zeit immer stärker. Wie den Medien ja täglich zu entnehmen ist, steckt die Automobilindustrie, speziell in Europa, in einer tiefen Krise.

Deswegen wollen wir AVL auch aus strategischen Gründen zunehmend diversifizieren.

Das heißt natürlich nicht, dass wir unsere Automotive-DNA aufgeben werden – dort kommen wir her, dort werden wir auch bleiben. Aber wir verfolgen das Ziel, 2030 bis zu 30 Prozent unseres Geschäfts außerhalb der Automobilindustrie zu machen. Wir beschäftigen uns beispielsweise auch mit Luftfahrt oder Security & Defense. Das größte und wichtigste Standbein in diesem Diversifizierungs-Portfolio ist aber sicher der Bereich Energie, mit einer eigenen Business Unit, die sich ausschließlich um Energie kümmert.

e+i: Eine große Rolle spielt bei AVL auch das Thema Wasserstoff. Wo liegen hier aktuelle und zukünftige Anwendungsfelder?

Rechberger: Die Einsatzbereiche von Wasserstoff haben sich im Lauf der Zeit sehr stark verschoben. Wir beschäftigen uns im Unternehmen seit mehr als zwei Jahrzehnten damit. Zu Beginn ging es dabei vor allem um Wasserstoff für die Mobilität im PKW, später auch im LKW – das ist inzwischen weniger der Fall, im Fokus stehen jetzt vielmehr Wasserstoffanwendungen im Energie- und Industrieumfeld.

Da speziell Länder wie Österreich oder Deutschland ihren Energiebedarf nicht nur durch Erneuerbare decken können, ist Wasserstoff aus unserer Sicht ein zentrales Element, um die Industrie zu dekarbonisieren.[…]

e+i: In welchen Bereichen setzt AVL konkret Aktivitäten im Segment Wasserstoff?

Rechberger: Grundsätzlich entwickeln wir Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Erzeugung von Wasserstoff beziehungsweise Wasserstoffderivaten bis hin zur Verwendung in Brennstoffzellen. Zwei große Bereiche stellen sich im Moment gerade sehr positiv dar: Einerseits ist das die Herstellung von Wasserstoff beziehungsweise von synthetischem Kerosin, so genannte SAF, Sustainable Aviation Fuels. Wir haben hier basierend auf einer AVL-Entwicklung ein neuartiges Elektrolyseverfahren, eine Hochtemperaturelektrolyse, realisiert, mit der sich synthetisches Kerosin herstellen lässt, das wesentlich effizienter ist als alles heute im Markt Befindliche.

Damit erwarten wir eine signifikante Verringerung der Produktionskosten und bauen bereits einige Demo-Anlagen.

Das zweite Thema, bei dem wir im Moment den Bedarf fast nicht decken können, ist die Energieversorgung für Datacenters im Bereich Artificial Intelligence. Wir erleben ja gerade ein enormes Wachstum dieser AI-Rechenzentren, schneller als der Netzausbau voranschreiten kann.

In Amerika ist es in der Regel so, dass alle neuen großen Datacenters eine eigene Stromerzeugung haben müssen. […] Deswegen gibt es dort auch gerade einen starken Push hin zu Brennstoffzellen als Energieerzeugungslösungen für Datacenters. […]

e+i: Wie können Wasserstoff-Technologien vorangetrieben und optimiert werden? Wo liegen die großen Herausforderungen?

Rechberger: Es hat vor allem wirtschaftliche Gründe, dass H2-Technologien nicht schneller vorankommen. Die Herstellkosten von Wasserstoff sind heute einfach noch zu hoch, damit sind wir im Vergleich zu fossilen Energieträgern derzeit nicht wettbewerbsfähig. 

Wir müssen in erster Linie einmal die Technologie verbessern und die Effizienz erhöhen. […] Allerdings wird das langfristig nicht reichen. Man muss sich vielmehr auch anschauen, wie klimaschädliche Effekte in fossile Energieträger eingepreist werden können. Wir brauchen also eine echte CO2-Bepreisung, die auch die Klimawandel-Folgeschäden von fossilen Energieträgern beinhaltet.[…]

Ein Mann mit Bart in einem Anzug lächelt in einem modernen Gewächshaus.
"China kocht schließlich auch nur mit Wasser."
Global Vice President Fuel Cell & Energy bei AVL

e+i: Der Standort Europa ist auf zahlreichen Ebenen mit einer immer (über)mächtiger werdenden Konkurrenz aus China konfrontiert – wie können wir hier noch mithalten?

Rechberger: Generell würde ich nicht von übermächtig sprechen, China kocht schließlich auch nur mit Wasser. Der größte Unterschied ist nicht, dass sie technologisch schneller oder besser sind, sie machen einfach ausgesprochen kluge und strategische Wirtschafts- und Industriepolitik. […]

Wir müssen viel mehr darauf schauen, dass Produkte, die wir in Europa fördern, auch hier produziert werden, also viel mehr Wert auf Made in Europe legen und die Wertschöpfungsketten nach Europa bringen. […]

Anders als in den klassischen Bereichen der Automobilindustrie hat in meinem Technologieumfeld, dem Wasserstoff, Europa derzeit noch einen technologischen Vorsprung, etwa bei Elektrolyse- und Brennstoffzellen-Technologien. Allerdings wird sich auch das irgendwann umdrehen, weil China mit Wasserstoff schon sehr stark in die Skalierung geht. Im aktuellen Fünfjahresplan der chinesischen Regierung ist Wasserstoff als eines der wichtigsten Themen enthalten. Aber im Moment hat Europa noch eine gute Position, das Thema möglichst rasch zu skalieren und voranzubringen.

e+i: Wie sieht das Energiesystem der Zukunft aus Ihrer Sicht aus? Was würden Sie sich wünschen, und was sehen Sie als realistisch an?

Rechberger: Ich würde mir wünschen, dass wir einmal das gesamte Bild betrachten. Wenn wir über das Energiesystem diskutieren, dann liegt der Fokus oft sehr stark auf Stromproduktion. Das ist aber eigentlich das kleinste Problem, nur etwa 25 Prozent des Energieverbrauchs entfällt auf Strom. Dieses Problem ist in Österreich eigentlich fast gelöst. Wir haben in guten Jahren bis zu 90 Prozent Erneuerbare im Netz, und wir werden das auch bilanziell auf 100 Prozent bringen.

Der Rest, immerhin drei Viertel der Energie, wird heute in vielen Ländern fossil aus Öl, Gas oder Kohle gewonnen. […]

Die Diskussionen, die im Moment zum Revival von Nuklearenergie geführt werden, sind ein reines Ablenkmanöver. Das wird uns nicht helfen, weil es erstens viel zu lange dauert und zweitens viel zu teuer ist. Aus meiner Sicht ist das keine Lösung. Ich glaube auch, dass wir Fusionsenergie nicht brauchen, weil Solar und Wind im Überfluss zur Verfügung stehen und wie gesagt viel, viel billiger sind.

Das heißt, ich wünsche mir eine stark Solar- und Windenergie-geprägte Zukunft, weil ich glaube, dass wir damit einen Großteil unserer Probleme lösen können. […]
 

Das vollständige Interview mit Jürgen Rechberger lesen Sie in der neuen Ausgabe unserer Verbandszeitschrift e+i. Als OVE-Mitglied finden Sie die digitale Ausgabe in Ihrem persönlichen Login-Bereich unter "Mein OVE/Mitgliedschaft".