e+i aktuell: Generationenwechsel beim OVE
Seit 2004 lenkt Peter Reichel mit großem Erfolg die Geschicke des OVE, nun ist er kurz davor, seinen Ruhestand anzutreten. Mit Daniel Herbst steht ein ehemaliges Mitglied der OVE Young Engineers bereits als designierter Generalsekretär in den Startlöchern. Die Redaktion der e+i hat mit den beiden einen Blick in die Zukunft geworfen und sie gefragt, wie es dem Verband und der Branche gerade geht.
e+i: Daniel, was hat Dich am Job des Generalsekretärs eines Verbandes, der heuer bereits 143 Jahre alt wird, mehr gereizt als an einer Tätigkeit in der Energiewirtschaft oder in der Industrie?
Daniel Herbst: Ausschlaggebend war zunächst sicher meine langjährige Verbundenheit mit dem OVE. Ich bin ja seit 2008 persönliches Mitglied und habe in dieser Zeit schon sehr viele interessante Persönlichkeiten im und rund um den Verband kennenlernen dürfen und umfassende Einblicke in die Organisation bekommen, u. a. im Rahmen des schon erwähnten Forschungsprojekts ProSafE2.
Seit 2018 bin ich außerdem in der elektrotechnischen Normung aktiv und durfte auch auf internationaler Ebene bei IEC mitwirken. Das alles hat für mich die Faszination OVE ausgemacht.
Grundsätzlich kann ich sagen: Ich habe die Elektrotechnik einfach im Blut und möchte diese Leidenschaft unheimlich gerne mit vielen, vielen Personen teilen, was über einen Verband wie den OVE wohl am besten möglich ist.
e+i: Wie geht es der Branche aus Eurer jeweiligen Sicht? Welche Fragestellungen und Themen sind kurz- und mittelfristig am dringlichsten?
Peter Reichel: Ich denke, man muss hier ein wenig differenzieren. Wenn man auf der einen Seite die Industrie anschaut, hat Österreich, vorsichtig gesagt, schon bessere Zeiten gesehen. Wir befinden uns seit drei Jahren in einer Wirtschaftskrise, was nicht nur an den publizierten Zahlen, sondern auch an vielen Gesprächen, die ich geführt habe, abzulesen ist.
Beim Blick auf die Energiewirtschaft stellt sich die Situation natürlich anders dar. Hier ist ein unheimliches Investitionsvolumen zu stemmen, wobei einige Rahmenbedingungen für die Digitalisierung der Netze trotz ElWG immer noch fehlen.
Wichtig ist jetzt, sowohl die österreichische als auch die europäische Wirtschaft zu stärken. Der Made-in-Europe-Bonus ist aus meiner Sicht ein ganz wesentlicher Schritt, den man allerdings drastisch verstärken und ausbauen müsste, um die Ökologisierung und die Digitalisierung der Wirtschaft zu einem wirtschaftlichen Erfolg für Europa zu machen.
Im Moment sind wir in hohem Maße abhängig von Lieferketten, die nicht in Europa stattfinden. Um es ganz konkret zu formulieren: Wir haben eine viel zu hohe Abhängigkeit von China.
Daniel Herbst: Ich möchte noch ergänzen, dass wir im Bereich der Wissenschaft und Forschung sowie der Entwicklung neuer Technologien in Österreich durchaus das Potential haben, auf internationalem Niveau mitzumischen, was wiederum auch die Wirtschaft stärken kann.
Mit Technologiesouveränität in der Elektrotechnik können wir in Österreich sicher einiges erreichen. Wir sind schließlich alle miteinander auf dem Weg zur „All-electric and connected society“.
e+i: Was kann der OVE hier für die Branche leisten?
Reichel: Zum einen können wir mögliche Lösungswege qualifiziert und objektiviert in Positionspapieren aufzeigen. Wir können weiters Runde Tische zu speziellen Themen einberufen, unterschiedliche Fragestellungen mit Expertinnen und Experten diskutieren und dann aus unabhängiger Position Vorschläge an die Politik und an Meinungsbildner herantragen.
Auf der anderen Seite sind wir auf operativer Ebene über OVE Certification in den Made-in-Europe-Bonus eingebunden. Wir arbeiten hier bei der Erstellung von Richtlinien und Rahmenbedingungen mit dem Ministerium zusammen und erbringen Dienstleistungen für Betriebe in Österreich und Europa.
Wenn ich den OVE gesamthaft betrachte, haben wir natürlich noch die Möglichkeit, in der Academy entsprechende Weiterbildungen anzubieten und mit unseren Medien, zu denen neben der e+i auch unser Auftritt in den Sozialen Netzwerken zählt, objektivierte Meinungen für alle interessierten Kreise zu bieten.
Herbst: Wir können außerdem sowohl die Industrie als auch das Handwerk, die Elektriker, die natürlich auch vor neuen Herausforderungen stehen, auf normativer Seite unterstützen und sie auf den neuesten Stand der Technik bringen.
Mit unseren Nachwuchsinitiativen leisten wir darüber hinaus einen Beitrag zur Gewinnung von Fachkräften der Zukunft, indem wir mit unseren Aktivitäten LET’S TECH und Girls! TECH UP bei jungen Leuten überhaupt einmal Interesse für Elektrotechnik wecken.
Die Kids, die wir für Elektrotechnik begeistern können, bilden die Basis für die zukünftige Ausrichtung unserer Gesellschaft und natürlich auch für die Zukunft der Branche und des OVE – jede neue Technikerin, jeder neue Techniker zählt.
e+i: Daniel, welche Themen und Herausforderungen siehst Du auf die OVE-Kernbereiche Normung und Zertifizierung zukommen?
Herbst: Normung und Zertifizierung nehmen naturgemäß einen hohen Stellenwert in der gesamten Verbandsarbeit ein. Wenn es um OVE Certification geht, ist der bereits erwähnte Made-in-Europe-Bonus und alles, was dazugehört, sicher ein zukunftsträchtiges Thema.
Wie sich andere Teilbereiche der Zertifizierung weiterentwickeln, muss man einfach beobachten und laufend evaluieren. Wir sind mit unserem Team in diesem Bereich sehr gut aufgestellt und haben eine solide Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiterbasis, und die gilt es entsprechend zu erhalten und zu pflegen.
In der Normung gibt es einige Herausforderungen, wenn es z. B. um die Frage nach kostenfreiem Zugang zu bestimmten Normen geht. Darüber hinaus wird auf internationaler Ebene aktuell unter dem Schlagwort Smart Standards daran gearbeitet, normative Dokumente maschinenlesbar zu machen. Auf nationaler Ebene sind wir hier gerade in einer Umsetzungsphase.
Ein weiteres Thema in der Normung ist – wie überall anders auch – die Künstliche Intelligenz, verbunden mit der Frage, wohin die Reise mit KI geht, welche Dienstleistungen und Angebote man damit umsetzen und realisieren könnte. Das sind grob umrissen Herausforderungen, die uns in den nächsten Jahren begleiten werden.
e+i: Man kennt Dich als guten Netzwerker. Welche Pläne hast Du für die Weiterentwicklung des OVE-Netzwerks?
Herbst: Netzwerken war und ist mir ein großes Anliegen, um verschiedene Perspektiven und Sichtweisen zusammenzubringen und Ansprechpartner für unterschiedlichste Fragestellungen und Themen zu gewinnen.
Im Bereich des OVE kann ich mir vorstellen, noch mehr in Richtung außeruniversitäre Bildungseinrichtungen zu unternehmen, sowohl auf Professor:innen-Ebene als auch im Bereich des Techniker:innen-Nachwuchses, und das nationale und internationale Netzwerk mit anderen Verbänden zu stärken. Wir sind schließlich nicht nur Österreich, wir sind auch EU, und die EU ist wiederum ein Teil der Welt.
Es ist also wichtig, sowohl national als auch global zu denken, etwa im Bereich der elektrotechnischen Normung, wo bekanntermaßen ein Großteil der Inhalte von internationaler Seite kommt – und das ist auch gut so, da sich der Markt für unsere Hersteller ohne internationale Standardisierung erheblich verkleinern würde.
e+i: Peter, was wünscht Du Deinem Nachfolger? Gibt es einen Ratschlag aus Deiner langjährigen Erfahrung, den Du ihm mit auf den Weg geben möchtest?
Reichel: Natürlich alles Gute und eine ebenso erfüllte und gute Zeit im OVE. Ich kann Dir, lieber Daniel, nur wünschen, dass diese sehr positive Entwicklung des Verbandes so weitergeht. Du wirst es natürlich auch in Deiner Hand haben, diese Entwicklung mitzugestalten.
Was ich Dir mitgeben möchte, sind zwei Dinge, und zwar erstens: Jede Verbandsarbeit bedarf einer gesunden wirtschaftlichen Basis. Das sollte man nie vergessen. Wenn kein Geld verdient wird, kann man noch so kreativ sein, es gibt dann keine Möglichkeit, etwas umzusetzen.
Und das zweite: Der Verband ist etwas Besonderes. Es gibt die Belegschaft, es gibt die Gremien, es gibt die interessierte und die breite Öffentlichkeit. Die Zusammenarbeit der Branche im Verband zu bündeln und das auch wieder nach außen zu strahlen, das ist es, was das Netzwerk ausmacht. Und dieses Netzwerk aktiv zu leben, ist letztendlich auch der Erfolg des OVE.
e+i: Wie wirst du Deinen Ruhestand gestalten?
Reichel: Es heißt Ruhestand, also auf jeden Fall ruhig. Die ersten Monate werde ich als Urlaub genießen, um einfach einmal wegzukommen. Ich werde ganz sicherlich meine zwei großen Liebhabereien, Musik und Literatur, vermehrt ausleben und gemeinsam mit meiner Frau kulturelle Angebote genießen. In absehbarer Zeit werde ich Großvater, das wird mich auch bis zu einem gewissen Grad beschäftigen.
Außerdem nehme ich mir meine Frau zum Vorbild, die sich jetzt in der Pension im Bereich der ehrenamtlichen Tätigkeit eine neue Beschäftigung gefunden hat.
Herbst: Und vielleicht rufe ich Dich in der Zwischenzeit hin und wieder an ... (lacht).
Das vollständige Interview mit Peter Reichel und Daniel Herbst lesen Sie in der neuen Ausgabe unserer Verbandszeitschrift e+i. Als OVE-Mitglied finden Sie die digitale Ausgabe in Ihrem persönlichen Login-Bereich unter "Mein OVE/Mitgliedschaft".



