OVE-Blitzschutztag 2026: Die neue OVE EN IEC 62305

Der OVE-Blitzschutztag 2026 an der TU Graz stand ganz im Zeichen der neuen OVE EN IEC 62305 Ed. 3, die mit 1. März 2026 veröffentlicht wurde. Ziel der Veranstaltung war es, die Inhalte der Teile 1 bis 4 nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern auch deren praktische Relevanz und Umsetzung greifbar zu machen, ein Anspruch, der durch den anschließenden Praxisteil im Nikola Tesla Labor eindrucksvoll erfüllt wurde.

Grundlagen und Risikobetrachtung (Teil 1 und 2)

Den Einstieg gestaltete Gerhard Diendorfer mit den Grundlagen aus OVE EN IEC 62305 Teil 1 und Teil 2. Er spannte den Bogen von der Blitzentstehung bis hin zur Risikobetrachtung und machte deutlich, wie eng Physik und Normung miteinander verknüpft sind. 

Besonders eindrücklich war die Darstellung, dass ein Blitz als komplexer Prozess mit mehreren Teilentladungen und möglichen mehreren Einschlagpunkten verstanden werden muss. Genau diese Erkenntnisse sind die Basis für die Risikobewertung nach Teil 2, bei der Häufigkeit, Schadenswahrscheinlichkeit und mögliche Verluste systematisch bewertet werden.

Gewitterwarnsysteme und organisatorischer Blitzschutz

Direkt daran knüpfte Hannes Kohlmann mit seinem Vortrag zu Gewitterwarnsystemen durch Blitzortung nach IEC 62793 an. Kohlmann zeigte, wie moderne Blitzortungsnetzwerke wie ALDIS/BLIDS/EUCLID heute hochpräzise Daten liefern und dadurch Gewitterwarnsysteme mit verlässlicher Vorwarnzeit ermöglichen. 

Diese Systeme erweitern den klassischen Blitzschutz um eine organisatorische Komponente: Sie erlauben es, rechtzeitig Maßnahmen zu setzen und so Risiken aktiv zu reduzieren. Kohlmann erläuterte detailliert mehrere Anwendungsbeispiele: Gewitterwarnung bei Großveranstaltungen, Windkraftanlagen, Hochspannungsanlagen und Bergbahnen.

Baulicher Blitzschutz und Neuerungen in Teil 3

Mario Kompacher gab einen Überblick über national gültige Vorschriften zum Blitzschutz. Anschließend widmete er sich ausführlich dem Teil 3 der OVE EN IEC 62305, der den Schutz von baulichen Anlagen und Personen behandelt sowie den dazugehörigen Beiblättern. 

Hier wurde deutlich, welche konkreten Änderungen die Edition 3 mit sich bringt. Themen wie Fang- und Ableitungseinrichtungen, Trennungsabstände und neue Anforderungen für unterschiedliche Gebäudetypen stehen unmittelbar in Zusammenhang mit der praktischen Planung und Ausführung von Blitzschutzsystemen.

Schutz elektrischer und elektronischer Systeme (Teil 4)

Den Abschluss der Vortragsreihe bildete Michael Hanner mit OVE EN IEC 62305 Teil 4, der sich auf den Schutz elektrischer und elektronischer Systeme konzentriert. 

Besonders im Fokus standen das Blitzschutzzonenkonzept (LPZ), der Aufbau eines dreidimensionalen Potentialausgleichssystems sowie die Integration natürlicher Bestandteile von Bauwerken in das Schutzkonzept. 

Metallische Strukturen wie Bewehrungen, Stahlkonstruktionen oder Fassadenelemente können gezielt in den Potentialausgleich eingebunden werden. Dadurch lässt sich einerseits die Effizienz des Systems erhöhen und andererseits der Installationsaufwand reduzieren.

Praxisdemonstrationen im Nikola Tesla Labor

Nach der Mittagspause folgte schließlich der praktische Teil im Nikola Tesla Labor, der einen besonderen Mehrwert für alle Teilnehmenden darstellte. Unter der Leitung von Stephan Pack wurden künstliche Blitzentladungen erzeugt und die zuvor besprochenen Effekte sichtbar gemacht. 

Hier zeigte sich, wie theoretische Konzepte aus der Normenreihe in der Realität wirken. So wurden beispielsweise die Wirkung von Fangstangen, unterschiedlich langen Strompfaden, PV-Anlagen mit und ohne Blitzschutz, der Schutz von Menschen und der Faraday‘sche Käfig eindrucksvoll demonstriert.

Die Experimente verdeutlichten anschaulich, warum Trennungsabstände notwendig sind, wie sich Blitzströme verteilen und welche Rolle der Potentialausgleich spielt.

In den Pausen und im Nachgang zu den Versuchen wurden im Ausstellerbereich die vorgetragenen und gezeigten Phänomene angeregt diskutiert. Vortragende, Teilnehmende und Sponsoren nutzten die Möglichkeit, sich fachlich auszutauschen und zu vernetzen.