Digitaler Produktpass und Datenräume: Ski-Wartung als Modellfall für digitale Wertschöpfung

Digitaler Lebenszyklus für Sportgeräte

Ein Ski ist auf den ersten Blick ein klassisches Sportprodukt: Er wird gekauft oder gemietet, regelmäßig genutzt, gewartet und irgendwann ersetzt. Tatsächlich ist er auch ein gutes Beispiel für ein langlebiges, wartungsintensives Produkt mit vielen Beteiligten entlang seines Lebenszyklus. Hersteller, Händler, Verleihbetriebe, Servicewerkstätten, Service-Maschinenhersteller sowie Refurbisher und Recycler arbeiten an unterschiedlichen Punkten mit demselben Produkt – oft jedoch mit getrennten Datenbeständen.

Wenn der einzelne Ski mittels Digitalem Produktpass identifizierbar wird, kann er über seinen gesamten Lebenszyklus digital begleitet werden. Nicht nur ein Modell oder eine Produktserie erhält digitale Informationen, sondern jedes einzelne Produkt auf Artikelebene. Über einen langlebigen Datenträger wird der Ski eindeutig erkannt. Dahinter können technische Herstellerdaten, Serviceinformationen, Reparaturdaten, Zustandsbewertungen und Recyclinginformationen miteinander verknüpft werden.

So entsteht aus einem physischen Produkt eine digitale Produkthistorie. Sie zeigt, wann ein Ski hergestellt wurde, welche technischen Eigenschaften er hat, wie oft er gewartet wurde, welche Reparaturen erfolgt sind, ob er weiterverwendet werden kann und welche Materialien am Lebensende zurückgewonnen werden können. Das Produkt „Ski“ zeigt damit anschaulich, wie aus dem Digitalen Produktpass neben einer regulatorischen Anforderung auch wirtschaftlicher Nutzen entstehen kann.

Besserer Service, weniger Aufwand, mehr Sicherheit

Der praktische Nutzen zeigt sich besonders deutlich in der Wartung. Ski müssen regelmäßig serviciert werden, insbesondere im Verleihgeschäft, wo sie intensiv genutzt werden. Dabei geht es neben Komfort und Geschwindigkeit der Wartungsprozesse auch um Sicherheit und Abfahrtsperformance. Kantenwinkel, Belagzustand, Belagdicke oder andere Serviceparameter beeinflussen, wie gut ein Ski fährt und wie sicher er sich auf der Piste verhält.

Heute sind viele dieser Informationen nicht durchgehend verfügbar oder müssen manuell eingegeben werden. Das kostet Zeit, erhöht die Fehleranfälligkeit und erschwert standardisierte Abläufe. Mit einem Digitalen Produktpass können relevante Herstellerdaten direkt abgerufen werden. Servicemaschinen übernehmen individuelle Parameter maschinenlesbar und führen Wartungsschritte automatisiert aus. Dadurch wird der Service schneller, genauer und ressourcenschonender auf den jeweiligen Ski abgestimmt.

Für Händler, Verleiher und Servicebetriebe bedeutet das geringere Wartungskosten, weniger Materialverbrauch und eine höhere Servicequalität. Gleichzeitig können sie besser entscheiden, ob ein kleines oder großes Service notwendig ist. Wenn der Zustand jedes einzelnen Skis bekannt ist, lassen sich Wartungsintervalle, Auslastung und Ersatzbedarf gezielter steuern.

Gerade im wachsenden Verleihmarkt ist das ein wichtiger Vorteil. Verleihbetriebe müssen große Mengen an Ski verwalten, inventarisieren, warten und bewerten. Wenn der Produktpass viele dieser Daten automatisch bereitstellt oder aktualisiert, sinkt der manuelle Aufwand deutlich. Gleichzeitig steigt die Kundenzufriedenheit, weil die Ski besser gepflegt, sicherer und zuverlässiger verfügbar sind.

Transparenz schafft Wert im Aftermarket

Ein weiterer wirtschaftlicher Nutzen liegt in der transparenten Produkthistorie. Wer heute einen gebrauchten Ski kauft oder weiterverkauft, kann dessen Zustand oft nur grob einschätzen. Wurde er regelmäßig serviciert? Gab es Reparaturen? Wie intensiv wurde er genutzt? Ist er noch für den Verleih geeignet, für den privaten Wiederverkauf oder soll er ins Refurbishment?

Der Digitale Produktpass kann solche Fragen nachvollziehbar beantworten. Wartung, Reparatur und weitere Zustandsänderungen werden dokumentiert. Dadurch entsteht ein transparenter Wiederverkaufswert. Ein Ski mit nachweislich guter Servicehistorie ist vertrauenswürdiger und kann länger genutzt werden. Das stärkt den Aftermarket und unterstützt neue Geschäftsmodelle rund um Second-Life-Nutzung, Refurbishment und datenbasierte Services.

Auch für Hersteller sind Daten aus Nutzung und Wartung interessant. Sie behalten eine bessere Verbindung zu ihren Produkten im Feld, erhalten Rückmeldungen aus Service und Reparatur und können Qualitäts- sowie Nachhaltigkeitsnachweise besser führen. Statt nach dem Verkauf den Kontakt zum Produkt weitgehend zu verlieren, entsteht ein digitaler Lebenszyklus, der neue Serviceangebote ermöglicht und Design-Verbesserungen anstoßen kann.

Belastbare Informationen über Nutzung und Materialien helfen Refurbishern und Recyclern, besser entscheiden zu können, ob ein Ski aufbereitet werden kann und wie Stoffkreisläufe durch Materialrückgewinnung geschlossen werden können. Am Lebensende kann der Produktpass deaktiviert werden, sodass auch die Verantwortung im Sinne der Kreislaufwirtschaft sauber dokumentiert ist.

Warum Datenräume entscheidend sind

Der Digitale Produktpass entfaltet seinen vollen Nutzen erst, wenn Daten sicher zwischen Unternehmen ausgetauscht werden können. Kein einzelner Akteur verfügt über alle Informationen: Der Hersteller hält technische Produktdaten, der Händler kennt Verkaufs- und Servicedaten, der Verleihbetrieb Nutzungs- und Zustandsinformationen, die Servicewerkstatt Wartungs- und Reparaturdaten. Refurbisher und Recycler benötigen wiederum Informationen für Wiederverwendung oder Materialverwertung.

Ein zentraler Punkt ist daher Vertrauen. Unternehmen müssen Daten teilen können, ohne die Kontrolle darüber zu verlieren. Diese Ziele verfolgen Initiativen wie International Manufacturing-X (IMX) mit der Etablierung industrieller Datenräume. Sie schaffen einen Rahmen, in dem Daten souverän, sicher und nach klaren Regeln ausgetauscht werden können. Zugriff erhalten nur berechtigte Akteure auf ausgewählte Informationen. Die Nutzung wird nach Rollen, Zwecken und Rechten gesteuert. Eine zentrale Datenablage, in der alle Informationen gesammelt werden, ist dafür nicht erforderlich. Stattdessen bleiben Daten dort, wo sie entstehen, und werden kontrolliert verfügbar gemacht.

Aufgrund unterschiedlicher Interessen ist das in einem solchen Netzwerk besonders wichtig: Hersteller möchten ihre Produktdaten schützen, aber ausgewählte Informationen für Service und Nachhaltigkeit bereitstellen. Servicebetriebe benötigen präzise technische Daten, jedoch nur die für sie relevanten Werte. Recycler brauchen Materialinformationen, aber keine vollständige kommerzielle Historie. Datenräume ermöglichen diese differenzierte Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg.

Technologisch stützen sich solche Lösungen auf maschinenlesbare Daten, semantische Interoperabilität und gemeinsame Standards. Im österreichischen Leitprojekt PASSAT dient die Asset Administration Shell (AAS) als technische Grundlage für die standardisierte Beschreibung der Informationen des Use Cases. Das Gaia-X Trust Framework unterstützt durch Dataspace-Protokolle die sichere Authentifizierung, Autorisierung und vertrauenswürdige Datennutzung. Damit wird aus einem Produktpass ein skalierbares digitales Wertschöpfungsnetzwerk.

Übertragbar in weitere Branchen

Der von Atomic, Wintersteiger und Salzburg Research entwickelte Ski-Use-Case zeigt plakativ, was künftig in vielen Branchen durch die wachsende Bedeutung der Kreislaufwirtschaft relevant wird: Produkte werden nicht mehr nur verkauft, genutzt und entsorgt, sondern über ihren gesamten Lebenszyklus digital begleitet. Isolierte Serviceprozesse werden Teil vernetzter Wertschöpfungsketten. Automatisierte Dokumentation schafft Transparenz, während ehemals lineare Geschäftsmodelle um datenbasierte Services erweitert werden.

Strategisch geht es somit um mehr als Ski-Wartung. Der Digitale Produktpass ermöglicht Nachhaltigkeit, Effizienz und neue Geschäftsmodelle. Gaia-X-Datenräume und Initiativen wie IMX liefern die notwendige Vertrauensinfrastruktur, damit Unternehmen gemeinsam handeln können, ohne ihre Datensouveränität aufzugeben. Der Use Case macht deutlich: Der eigentliche Wert entsteht nicht allein durch den Produktpass, sondern durch das Zusammenspiel aus eindeutiger Identifikation, verlässlichen Daten, automatisierten Prozessen und sicherem Datenaustausch.

Porträtfoto Felix Strohmeier
Felix Strohmeier

Senior Researcher and Project Manager
Salzburg Research

Porträtfoto Helmut Holzer
Helmut Holzer

Dir. Anticipation & Advanced Research
Atomic Austria GmbH

Porträtfoto Paul Stollberger
Paul Stollberger

Leiter Entwicklung
Wintersteiger Sports GmbH