Datenräume schaffen Vertrauen für globale Wertschöpfung
Die industrielle Wertschöpfung befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Produkte entstehen heute nicht mehr innerhalb eines einzelnen Unternehmens, sondern in komplexen Netzwerken aus Herstellern, Zulieferern, Logistikdienstleistern, Serviceunternehmen und Kunden. Entwicklung, Produktion, Betrieb, Wartung und Recycling sind zunehmend digital miteinander verbunden und erstrecken sich über Länder und Kontinente hinweg. Der wirtschaftliche Erfolg hängt deshalb immer weniger von der Leistungsfähigkeit eines einzelnen Unternehmens, sondern von der Stärke seines gesamten Ökosystems ab.
Mit dieser Entwicklung steigen auch die Anforderungen an die Zusammenarbeit. Unternehmen müssen Lieferketten resilient gestalten, Nachhaltigkeitsziele erreichen und gleichzeitig flexibel auf geopolitische Veränderungen oder neue regulatorische Vorgaben reagieren können. Daten werden dabei zum entscheidenden Produktionsfaktor. Sie ermöglichen Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette, schaffen die Grundlage für automatisierte Prozesse und unterstützen fundierte Entscheidungen. Damit dieses Potenzial genutzt werden kann, müssen Informationen jedoch sicher, standardisiert und vertrauenswürdig zwischen unabhängigen Organisationen ausgetauscht werden.
Genau hier setzt der International Manufacturing-X Council (IMXC) an. Die internationale Initiative verfolgt das Ziel, eine gemeinsame Grundlage für industrielle Datenökosysteme zu schaffen und damit die drei zentralen Ziele Resilienz, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu stärken. Dabei geht es nicht um eine zentrale Plattform, sondern um ein föderiertes Ökosystem, in dem Unternehmen die Kontrolle über ihre Daten behalten und dennoch effizient zusammenarbeiten können. Entscheidend hierfür sind gemeinsame technische Standards und ein international abgestimmtes Verständnis von Vertrauen.
Vertrauen bedeutet dabei heute weit mehr als eine sichere Datenübertragung. Unternehmen müssen künftig nachweisen können, dass ihre Produkte, Prozesse und digitalen Dienste regulatorische Vorgaben sowie technische und organisatorische Anforderungen erfüllen. Der Digitale Produktpass, Anforderungen an Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft, der Cyber Resilience Act, NIS2 oder branchenspezifische Sicherheits- und Qualitätsstandards sind nur einige Beispiele. In internationalen Wertschöpfungsnetzwerken kommen darüber hinaus unterschiedliche nationale Regelwerke, Zertifizierungen und Identitätssysteme hinzu. Die Herausforderung besteht daher nicht nur darin, Daten interoperabel auszutauschen, sondern auch Compliance und Vertrauenswürdigkeit interoperabel nachweisen zu können.
Die manuelle Prüfung solcher Anforderungen ist bereits heute aufwendig und wird mit zunehmender Digitalisierung schnell unbeherrschbar. Zertifikate, Berechtigungen und Konformitätsnachweise müssen zwischen zahlreichen Partnern ausgetauscht, überprüft und aktuell gehalten werden. Zukünftig werden diese Informationen daher zunehmend maschinenlesbar bereitgestellt und automatisiert validiert werden müssen. Erst dadurch lassen sich komplexe Liefer- und Wertschöpfungsnetzwerke effizient betreiben und regulatorische Anforderungen kontinuierlich erfüllen.
Hier kommt das Gaia-X Trust Framework ins Spiel. Es verbindet digitale Identitäten mit standardisierten Vertrauens- und Compliance-Mechanismen und schafft damit die Grundlage für die automatisierte Prüfung von Identitäten, Zertifizierungen und Berechtigungen. Unternehmen können so bereits vor dem Datenaustausch feststellen, ob ein Partner definierte Anforderungen erfüllt und ob vereinbarte Nutzungsbedingungen eingehalten werden. Vertrauen wird dadurch zu einer technischen Fähigkeit, die sich automatisieren und skalieren lässt.
Besonders wichtig ist dies im internationalen Umfeld. Während in Europa mit eIDAS 2.0 und der EU Business Wallet wichtige Bausteine für vertrauenswürdige Unternehmensidentitäten entstehen, müssen gleichzeitig Identitäts- und Zertifizierungssysteme aus Asien, Nordamerika und anderen Regionen eingebunden werden. Gaia-X verfolgt hierfür einen föderierten Ansatz: Bestehende nationale oder branchenspezifische Vertrauensmechanismen werden nicht ersetzt, sondern über gemeinsame Regeln und Standards interoperabel miteinander verbunden. So entsteht eine flexible Architektur, die unterschiedliche regulatorische Anforderungen und Vertrauensmodelle integriert und gleichzeitig individuelle Lösungen für verschiedenste industrielle Anwendungsfälle ermöglicht.
Wie eine solche internationale Zusammenarbeit in der Praxis aussehen kann, zeigte der IMXC-Demonstrator auf der Hannover Messe 2026. Gemeinsam mit Partnern aus 15 Ländern wurde dabei anschaulich demonstriert, wie gemeinsame Standards, digitale Identitäten und föderierte Vertrauensmechanismen die Grundlage für grenzüberschreitende industrielle Anwendungen schaffen. Der Demonstrator macht sichtbar, wie Daten, Vertrauen und Compliance zusammenspielen und dadurch neue Formen der Zusammenarbeit entlang globaler Wertschöpfungsketten ermöglichen.
Die Beiträge dieser Ausgabe greifen diese Entwicklungen aus unterschiedlichen Perspektiven auf. Zu Beginn stellt ein Überblicksartikel den IMXC-Demonstrator und seine internationale Architektur vor. Anschließend zeigen zwei konkrete Anwendungsfälle, der Digitale Produktpass für die Ski-Wartung sowie der internationale Batteriepass, wie gemeinsame Standards und vertrauenswürdige Datenräume bereits heute einen messbaren Mehrwert für Unternehmen schaffen und den Weg für die nächste Generation digitaler Wertschöpfungsnetzwerke ebnen.
Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre!


