OVE Fem-Interview mit Lia Gruber

Im OVE‑Fem‑Interview erzählt Lia Gruber, wie sie von früher Elektrotechnikbegeisterung über Studium und internationale Forschung zu ihrer heutigen Arbeit an zentralen Fragen der Energiewende gelangte.
Lias Schnittstellenrolle im Energiehandel und ihr Zugang zu starken Netzwerken werden ebenso thematisiert wie die soziale Bedeutung von Energiegemeinschaften und die Notwendigkeit, Studierende zum Out‑of‑the‑box-Denken zu befähigen.
Energie tankt Lia Gruber auf dem Berg – beim Wandern und Klettern.
Wenn Berufung zum Beruf wird
OVE Fem:Was hat – nach dem Besuch eines nicht-technischen Oberstufengymnasiums – den Ausschlag gegeben, Elektrotechnik zu studieren?
Lia Gruber: Diese Entscheidung mag bei Betracht meines Lebenslaufs tatsächlich etwas überraschend aussehen; war es für viele Leute in meinem Leben damals auch. Aber die Grundbegeisterung für das Gebiet hatte ich schon als Kind. Da war mein Opa als Elektriker definitiv ein prägender Einfluss. Diese Elektrotechnikbegeisterung hat mich immer leise begleitet: LEGO-Technik im Volksschul-Werkunterricht, der Lötbausatz im Jobworkshop oder die Wahl der Elektroinstallation für die Berufspraktischen Tage während der Hauptschule. Und trotzdem war der Wechsel vom Berufswunsch „Mathe- und Geschichte-Lehramt“ auf Elektrotechnik erst Monate vor der Matura. Der eigentlich nur zum Spaß gedachte Besuch einer Elektrotechnik-Vorlesung über die Initiative „Studieren-Probieren“ war dann der Auslöser, die Berufsplanung komplett zu überdenken.
OVE Fem:Die Elektrotechnik ist breit gefächert – von Automatisierung über Elektronik bis zur Energietechnik. Wann und warum wurde für Sie klar, dass Ihr Weg in die Energietechnik führt?
Gruber: Tatsächlich sehr spät. Mir fiel schon die Entscheidung für die Elektronik im Bachelor schwer, weil meine Interessen in der Elektrotechnik sehr breit gestreut waren. In die Energietechnik bin ich dann während eines Auslandssemesters an der TU Delft gekommen. Das Masterstudium „Sustainable Energy“ in Delft hat mich motiviert, meine Karriere in den Dienst der Energiewende und gegen den Klimawandel zu stellen.
OVE Fem: In Ihrer mehrfach ausgezeichneten Dissertation beschäftigten Sie sich mit dem Thema Energiegemeinschaften. Was braucht es aus Ihrer Sicht, um das Konzept der Energiegemeinschaften gesellschaftlich noch stärker zu verankern?
Gruber: Alle Akteure im österreichischen Energiegemeinschaftsökosystem haben bei der Einführung viel vollbracht, und das als eines der ersten Länder in der EU. Und: Die Bevölkerung macht mit, die Zahlen der Energiegemeinschaften in Österreich sprechen für sich. Jetzt, wo die ersten wichtigen Schritte der Konzeptionierung, der Einführung und des Hochlaufs abgeschlossen sind, sehe ich es als besonders wichtig, das Ursprungsziel für Energiegemeinschaften wieder in den Fokus zu rücken: Jeder soll mit den Energiegemeinschaften das Recht haben, an der Energiewende teilnehmen zu können – Stichworte „Energiebildung“ und „Energiearmut“. Energiegemeinschaften haben ein soziales und/oder ökologisches Ziel, kein finanzielles. Dieser Fokus macht aus recht unbeteiligtem gemeinsamen Geldsparen eine wirkliche Gemeinschaft.
OVE Fem:Im Rahmen Ihres Studiums absolvierten Sie u. a. einen Forschungsaufenthalt an der John Hopkins University. Welche Erfahrungen waren besonders prägend – fachlich wie persönlich?
Gruber: Fachlich hat mir der Aufenthalt gezeigt, wie schwierig es ist, an der Grenzlinie zwischen technischer und gesellschaftlicher Forschung zu liegen. Ich habe mich dort mit Energiearmut beschäftigt. Das lässt sich um einiges schwieriger in Formeln und Zahlen fassen als ein Batteriespeicher.
Persönlich hat mich sehr geprägt, als Erwachsene für einen längeren Aufenthalt in die USA zurückzukehren. Ich habe als Jugendliche ein Jahr dort verbracht, danach wollte ein Teil von mir immer wieder zurück. Der Forschungsaufenthalt hat mir aber bestätigt, dass ich mich kulturell in Europa wohler fühle.
OVE Fem:Sie haben früh Praxiserfahrung gesammelt – in Industriepraktika und als Studienassistentin. Welche Kompetenzen, die im Studium vielleicht zu kurz kommen, brauchen Studierende der Elektrotechnik heute am dringendsten?
Gruber: Kreativität und kritisches „Out-of-the-box“-Denken! Studierende sollten viel öfter „praktisch anwenden“ und „erschaffen“. Aber diesen Ansatz ernsthaft in die Lehre zu integrieren, frisst natürlich viel Lehrveranstaltungszeit auf, wodurch Vortragende weniger Inhalte durchbringen können. Ein herausfordernder Balanceakt, mit dem auch ich während meiner eigenen Lehrtätigkeit konfrontiert wurde.
OVE Fem: Aktuell arbeiten Sie bei der Kelag im Bereich Energiehandel mit Fokus auf Business & Regulatory Design. Was umfasst diese Position konkret, und welche Themen prägen Ihren Arbeitsalltag?
Gruber: Ich habe eine Schnittstellenposition im Konzern wie auch nach außen. Ich habe die Aufgabe, regulatorische Entwicklungen zu analysieren, daraus interne Handlungsempfehlungen abzuleiten und gegebenenfalls auch potenzielle neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Gleichzeitig habe ich auch eine Netzwerkfunktion und übernehme national wie auch auf EU-Ebene die Branchenvertretung für den Energiehandel und beteilige mich an der Weiterentwicklung des Energiemarktdesigns. Thematisch schaut‘s da sehr bunt aus, da ja der Energiehandel in einem EVU auch eine Schnittstelle ist.
OVE Fem: Bereits während Ihres Studiums haben Sie sich ehrenamtlich engagiert: Sie waren Vorstandsvorsitzende des Hochspannungszeichensaals an der TU Graz und Vorsitzende der OVE Young Engineers. Wie kam es dazu und welche Erfahrungen aus diesen Tätigkeiten haben Sie mitgenommen?
Gruber: Diese beiden Ämter sind mir tatsächlich in den Schoß gefallen. Wie es in Vereinen so oft der Fall ist: Nicht schnell genug geduckt, als eine Nachfolge gesucht wurde… Es war viel Arbeit und nicht immer einfach, alle einigermaßen an Bord zu halten. Aber diese Arbeit hat auch echt Spaß gemacht – es sind wirklich tolle Organisationen mit tollen jungen Leuten! Weiters hat mir die Vereinsarbeit auch viel fürs Berufsleben gebracht: Organisation, Projektmanagement und auch Mitarbeiter:innenführung. Und: Ich habe auch gelernt, mich in Kreisen zu behaupten, in die ich gefühlt noch nicht hingehörte, wie zum Beispiel im Austausch mit der Fakultät oder mit dem OVE-Vorstand.
OVE Fem: Inwiefern spielten Netzwerke wie beispielsweise die OVE Young Engineers oder auch OVE Fem eine Rolle für Ihre berufliche Entwicklung?
Gruber: Ein gutes Netzwerk ist das A und O in der Berufswelt, und ein solches schon frühzeitig aufzubauen – unter anderem bei den OVE Young Engineers und OVE Fem – war sehr wertvoll. Anstatt diesen Prozess erst beim Berufseinstieg zu beginnen, konnte ich zu diesem Zeitpunkt bereits auf mein Netzwerk als Asset verweisen. Frauennetzwerke wie OVE Fem sind für mich auch wirklich eine persönliche Motivationsressource geworden: Wenn man die Frauen unserer Branche in einem Raum zusammenbringt, „buzzed“ es immer vor lauter Energie und „Can-do“-Stimmung. Das gibt auch mir viel Energie.
OVE Fem:In Ihrer Zeit als Universitätsassistentin waren Sie u. a. auch in der Student Recruitment Taskforce der Fakultät für Elektrotechnik aktiv: Was braucht es Ihrer Meinung nach, um junge Menschen für Elektrotechnik zu gewinnen?
Gruber: Kurz und knapp: Frühe Bewusstseinsschaffung für die Existenz und vor allem die Vielfalt des Fachbereichs!
OVE Fem:Wenn es ein typisches „Elektrotechnik-Mindset“ gibt: Wie würden Sie es für sich beschreiben?
Gruber: Ebenfalls kurz und knapp: Neugier und Rätsellust.
OVE Fem: Zum Abschluss: Wie tanken Sie selbst Energie, und wie halten Sie Ihren eigenen Energiehaushalt in Balance?
Gruber: Am liebsten am Berg, da kann ich richtigen den Kopf ausschalten – zwischen Wandern, wo ich die Gedanken am besten schweifen lassen kann, und Klettern, wo sie super fokussiert sind.
Meinen Energiehaushalt in Balance zu halten, war für mich früher schwierig. Ich habe ja das Glück, meine Berufung zum Beruf gemacht zu haben, was aber wiederum von mir selbst wie auch von anderen ausgenutzt werden kann, um genau diese Balance ins Wanken zu bringen. Das mache ich mir inzwischen gerne bewusst. Sogar meinen langen Arbeitsweg als Koralmbahn‑Pendlerin habe ich vom Bug zum Feature gewandelt: Die Zugfahrt ist meine Zeit zum Runterkommen und zum Fertigdenken der letzten Arbeitsthemen. Da darf das eine oder andere Problem der Energiewende auch mal auf der Kärntnerseite der Koralm bleiben, bis es dann wieder mit frischem Geist angegangen wird.

KELAG-Kärntner Elektrizitäts-Aktiengesellschaft
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