Superheldinnen glänzen auch nicht im Dunkeln
Warum Wirkung zählt – und Sichtbarkeit dabei hilft
Apropos Sichtbarkeit: Als „Nachfolgerin“ von Andrea König werde ich zumindest bis Jahresende für OVE-Mitglieder Aktuelles, Lesens- und Wissenswertes über die versteckten Potenziale von Female Leadership schreiben und freue mich sehr über Rückmeldungen. Ganz im Sinne von #empower to grow.
Kompetenz, Fachwissen, Leistung – das sind Fundamente in der MINT-Welt. Doch was nützt die eleganteste Code-Architektur, wenn niemand sie kennt? Oder bahnbrechende Forschung, wenn sie in der Schublade verstaubt? Es geht nicht nur darum, gute Arbeit zu leisten, sondern dass diese Arbeit Wirkung entfaltet. Hier kommt Sichtbarkeit ins Spiel – nicht als eitler Selbstzweck, sondern als strategisches Werkzeug für wirkungsvolles Leadership.
Gerade Frauen in technischen Berufen neigen dazu, darauf zu vertrauen, dass „gute Arbeit für sich selbst spricht“. Ein charmanter Gedanke, aber in unserer informationsüberfluteten Welt oft eine Illusion.
Wirkung erzielen, nicht nur existieren: Sichtbarkeit als Leadership-Tool
Vergessen wir das Missverständnis, Sichtbarkeit sei gleichbedeutend mit Selbstdarstellung. Nein, es ist die bewusste Entscheidung, Verantwortung für die eigene Wirkung zu übernehmen. Es bedeutet, Ihr immenses Wissen, Ihre innovativen Lösungen und Ihre fundierte Expertise so aufzubereiten, dass sie für andere zugänglich und nutzbar werden. Wer sichtbar ist, macht Wissen transparent, schafft Orientierung und wird als anerkannte Expertin wahrgenommen. Und genau das sind die Zutaten für Leadership-Rollen.
Die Frage ist also nicht: „Wie kann ich mich besser verkaufen?“, sondern: „Wie können andere von meinem Wissen profitieren, wenn ich es nicht in die Welt trage?“ Denken Sie an die Theorie des „Social Proof“ (Cialdini, 1984): Menschen orientieren sich an dem, was andere als wertvoll erachten. Aktiv geteilte Expertise signalisiert nicht nur Kompetenz, sondern schafft auch Referenz für andere.
Das innere Flüstern: Bescheidenheit vs. Bedeutung
Ach ja, das ewige Dilemma. Viele von uns wurden mit der sanften Melodie der Bescheidenheit erzogen. „Eigenlob stinkt“, hieß es da. Gleichzeitig wurde uns eingetrichtert, dass „die Leistung für sich spricht“. Ein Rezept für die Unsichtbarkeit, oder? Dieses „Double-Bind-Dilemma“ – sei bescheiden, aber zeige Wirkung – ist ein echter Drahtseilakt. Und dann gesellt sich noch das Impostor-Syndrom hinzu, das uns einredet, wir seien gar nicht so gut, wie alle denken.
Doch hier kommt der Clou: Leadership entsteht nicht im Verborgenen. Wer wirklich gestalten, bewegen und verändern möchte, muss erkennbar sein. Eine Studie der Harvard Business Review (2019) zeigte, dass Frauen, die proaktiv ihre Erfolge kommunizieren und Netzwerke aufbauen, signifikant häufiger in Führungspositionen aufsteigen. Es ist also kein „Nice-to-have“, sondern ein „Must-have“ für Ihre Leadership-Ambitionen.
Kleine Schritte, große Wirkung: So bringen Sie Ihre Expertise ins Rampenlicht
Der Weg zur wirkungsvollen Führung beginnt mit bewussten, oft kleinen Schritten, die Expertise sichtbar machen:
Expertise klar benennen – mit Stolz und Präzision:
- Im Projekt-Kick-off: Statt „Wir haben das Backend optimiert“ sagen: „Ich habe die Architektur für die Backend-Optimierung konzipiert und implementiert, was zu einer Leistungssteigerung von 20 % geführt hat.“
- In der Softwareentwicklung: Präsentieren Sie Ihre Lösungsansätze und die dahinterstehenden Überlegungen aktiv in Code-Reviews. Erklären Sie, warum Sie eine bestimmte Technologie oder ein Design-Pattern gewählt haben.
In Meetings Position beziehen – kein Mäuschen spielen!
- Bei Architektur-Entscheidungen: Bringen Sie Ihre fundierte Meinung ein. Statt nur „Ich stimme nicht zu“, formulieren Sie: „Basierend auf meiner Erfahrung mit [ähnlichem System] schlage ich vor, [Alternative X] zu prüfen, da dies [Vorteil Y] und [Vorteil Z] bietet.“ Konstruktiver Widerspruch ist Leadership.
- Labor/Forschung: Wenn Kolleg:innen Ihre Ergebnisse zusammenfassen wollen, lächeln Sie charmant und sagen: „Danke für das Angebot, aber ich präsentiere das gerne selbst, um die Nuancen exakt darzustellen.“
Wissen teilen und weitergeben – die Multiplikatorin sein:
- Tech-Talks oder Workshops: Veranstalten Sie interne Sessions zu einem Thema, in dem Sie Expertin sind (z. B. „Einführung in Quantencomputing für Elektrotechnikerinnen“). Das festigt Ihr Wissen und positioniert Sie als Ansprechpartnerin.
- Mentoring: Bieten Sie jüngeren Kolleg:innen Ihre Unterstützung an. Mentoring ist ein Win-win: Sie geben Wissen weiter und stärken Ihre eigene Rolle als Fachexpertin und Leaderin.
Projekte proaktiv sichtbar machen – die Lorbeeren ernten:
- Erfolgreiche Projektabschlüsse: Dokumentieren und kommunizieren Sie den Erfolg Ihrer Projekte. Eine interne Präsentation über Projektablauf und Ihre Rolle dabei? Ja, bitte!
- Innovative Lösungen: Eine clevere Lösung für ein technisches Problem gefunden? Schreiben Sie einen Blogbeitrag fürs Intranet, präsentieren Sie es in einem „Show & Tell“-Meeting oder reichen Sie es für einen internen Innovationspreis ein.
Netzwerke aktiv schmieden – die Brückenbauerin sein:
- Interne Netzwerke: Sprechen Sie gezielt mit Kolleg:innen aus anderen Abteilungen über Ihre Projekte. Beteiligen Sie sich an abteilungsübergreifenden Initiativen. So werden Sie über Ihr direktes Team hinaus bekannt.
- Externe Netzwerke: Besuchen Sie Fachkonferenzen, Workshops und Branchenevents. Engagieren Sie sich in Berufsverbänden. Nutzen Sie LinkedIn, um Kontakte zu pflegen und Ihre Expertise zu teilen.
Leadership im Zeitalter der KI: Menschliche Wirkung ist unschlagbar
In einer Welt, in der Künstliche Intelligenz immer mehr Daten analysiert und sogar Codes generiert, könnte man meinen, reines Fachwissen verliere an Bedeutung. Doch das Gegenteil ist der Fall! Während KIs Fakten jonglieren, ist es Ihre menschliche Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und Teams zu motivieren, die den Unterschied macht.
Ihre authentische Stimme, Ihre Überzeugungskraft und Ihre Fähigkeit, menschlicheVerbindungen aufzubauen, sind durch keine KI zu ersetzen. Wenn Sie diese menschlichen Qualitäten mit Ihrer technischen Expertise verbinden und diese Kombination sichtbar machen, schaffen Sie einen unschlagbaren Mehrwert. Sie werden zur Leaderin, die nicht nur weiß, sondern auch führt.
Die Zukunft gehört jenen, die KompetenzmitKlarheitverbinden. Und die bereit sind, sichtbar zu machen, wofür sie stehen. Denn Leaderinnen wachsen nicht im Dunkeln. Sie wachsen dort, wo Kompetenz, Mut und die bewusste Entscheidung zur Wirkung zusammenkommen.

Alexandra Singer beschäftigt sich mit den Fragen, wie Führung wirkt, warum Sichtbarkeit über Karrierewege entscheidet und welche Rolle Kommunikation in Zeiten von Transformation und Künstlicher Intelligenz spielt.
Als Sparringpartnerin begleitet sie Führungskräfte, Expert:innen und Organisationen an den Schnittstellen von Leadership, Kommunikation und persönlicher Wirksamkeit.
In ihren Keynotes, Podcasts und Workshops verbindet sie wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Erfahrung und einem klaren Blick auf die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt.
Sie schreibt über das, was Menschen wachsen lässt – und darüber, warum Kompetenz alleine oft nicht genügt, wenn sie im Verborgenen bleibt.
