Stille Kompetenzfalle

Warum hochqualifizierte MINT-Frauen oft übersehen werden

Gut ausgebildet, hoch spezialisiert, engagiert und trotzdem nicht sichtbar genug. Ein Paradox, das viele Frauen in MINT-Berufen nur zu gut kennen. Während Unternehmen über Fachkräftemangel klagen und dringend nach Expert:innen suchen, bleiben ausgerechnet jene Frauen oft im Hintergrund, die fachlich längst bereit für den nächsten Karriereschritt wären.

Ich begegne diesem Phänomen immer wieder in Gesprächen mit Ingenieurinnen, Entwicklerinnen oder technischen Projektleiterinnen. Hochkompetente Frauen, die komplexe Systeme verstehen, Projekte erfolgreich umsetzen und Teams stabilisieren und dennoch das Gefühl haben, übersehen zu werden. Woran liegt das? Und vor allem: Wie lässt sich diese stille Kompetenzfalle durchbrechen?

Wenn Leistung für sich sprechen soll, aber niemand zuhört

Viele Frauen im MINT-Bereich sind mit einer sehr klaren beruflichen Haltung sozialisiert: Gute Arbeit setzt sich durch. Wer solide Ergebnisse liefert, wer zuverlässig Probleme löst und wer Verantwortung übernimmt, wird früher oder später gesehen. Leistung, so die Annahme, spricht für sich.

Doch Organisationen funktionieren selten rein leistungsbasiert. Sichtbarkeit spielt eine größere Rolle, als wir oft wahrhaben möchten. Wer seine Ergebnisse nicht aktiv kommuniziert, wer seine Perspektiven nicht einbringt oder seine Expertise nicht sichtbar macht, läuft Gefahr, schlicht übersehen zu werden – selbst dann, wenn die Leistung objektiv herausragend ist.

Gerade im technischen Umfeld wird Kompetenz oft still gelebt. Projekte laufen, Probleme werden gelöst, Systeme funktionieren. Doch genau diese Selbstverständlichkeit kann zur Falle werden: Wer immer liefert, ohne darüber zu sprechen, wird schnell zur „verlässlichen Expertin im Hintergrund“. Unverzichtbar, aber nicht unbedingt auf der Radarfläche für strategische Entscheidungen oder Führungsrollen.

Perfektionismus als Karrierekiller

Ein Muster, das mir besonders häufig begegnet, ist der hohe Anspruch vieler MINT-Frauen an sich selbst. Bevor eine Idee präsentiert wird, soll sie vollständig durchdacht sein. Bevor ein Konzept vorgestellt wird, soll jede mögliche Frage bereits beantwortet sein. Das klingt zunächst nach Professionalität, kann aber paradoxerweise dazu führen, dass andere schneller sichtbar werden. Während manche Kolleg:innen ihre Gedanken frühzeitig teilen und damit Diskussionsräume eröffnen, warten viele Frauen darauf, dass ihre Lösung wirklich „perfekt“ ist.

Karriereentscheidungen entstehen jedoch selten erst am Ende eines Projekts. Sie entstehen währenddessen: in Meetings, Diskussionen und informellen Gesprächen. Wer sich dort einbringt, wird als gestaltende Person wahrgenommen. Wer hingegen still an der perfekten Lösung arbeitet, wird oft erst dann sichtbar, wenn andere bereits als Ideengeber:innen gelten.

Sichtbarkeit ist kein Ego-Thema

Gerade im technischen Umfeld wird Selbstsichtbarkeit manchmal skeptisch betrachtet. Schnell entsteht der Eindruck, man müsse sich selbst vermarkten oder sich stärker in den Vordergrund stellen, als einem eigentlich lieb ist. Ich sehe das anders. Sichtbarkeit bedeutet nicht, laut zu sein. Sichtbarkeit bedeutet, Verantwortung für die eigene Expertise zu übernehmen und sie dort einzubringen, wo sie Wirkung entfalten kann. Gerade in komplexen technologischen Projekten braucht es unterschiedliche Perspektiven: analytische, systemische und oft auch sehr reflektierte.

Wenn hochqualifizierte Frauen ihre Stimme zurückhalten, fehlt diese Perspektive. Und das hat nicht nur individuelle Auswirkungen auf Karrieren, sondern auch strukturelle Folgen für Organisationen. Diverse Teams treffen nachweislich bessere Entscheidungen, aber nur dann, wenn alle Perspektiven auch tatsächlich gehört werden.

Strategien gegen die stille Kompetenzfalle

Die gute Nachricht ist: Sichtbarkeit lässt sich gestalten. Und sie muss nichts mit Selbstinszenierung zu tun haben. Oft beginnt sie mit kleinen Veränderungen im eigenen Arbeitsalltag.

Ein erster Schritt kann sein, die eigene Expertise bewusster zu teilen. Das kann im Teammeeting passieren, im Projektstatus oder auch in internen Austauschformaten. Wer über Erkenntnisse, Erfahrungen oder Lösungswege spricht, macht Kompetenz sichtbar, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. 

Ebenso wichtig ist es, Räume zu betreten, bevor man sich zu 100 % bereit fühlt. Viele spannende Projekte entstehen in frühen Diskussionsphasen. Wer dort präsent ist, wird als Mitgestalterin wahrgenommen. Wer erst einsteigt, wenn alles ausgearbeitet ist, bleibt häufig in der Rolle der Umsetzerin. 

Und schließlich spielt auch Vernetzung eine zentrale Rolle. Viele Karrierechancen entstehen nicht nur durch Leistung, sondern durch Austausch. Netzwerke sind keine „Karrierestrategie“ im klassischen Sinne, sie sind Teil moderner Zusammenarbeit und Innovation.

Warum New Work sichtbare Expertinnen braucht

Wenn wir über New Work sprechen, geht es häufig um Flexibilität, neue Arbeitsmodelle oder technologische Innovation. Doch meiner Meinung nach geht es um etwas viel Grundlegenderes: darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen ihre Fähigkeiten wirklich einbringen können. Gerade Frauen in MINT-Berufen bringen häufig Kompetenzen mit, die in der Arbeitswelt der Zukunft entscheidend sind: analytisches Denken, systemische Perspektiven, interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein starkes Verantwortungsgefühl für nachhaltige Lösungen. Damit diese Kompetenzen Wirkung entfalten können, müssen sie jedoch sichtbar werden. Nicht nur für die eigene Karriere, sondern auch für die Organisationen, die dringend auf diese Expertise angewiesen sind.

Noch ein persönliches Wort…

Zum Abschluss möchte ich noch etwas sehr Persönliches teilen: Dieser Beitrag ist mein letzter Newsletter-Artikel für OVE Fem, das Branchennetzwerk für Frauen im OVE Österreichischer Verband für Elektrotechnik. Über viele Jahre hinweg durfte ich hier Themen rund um New Work, Arbeitskultur, Mental Health und gesellschaftliche Entwicklungen in der Arbeitswelt mit euch teilen. Diese Plattform hat mir die Möglichkeit gegeben, Gedanken auszusprechen, Diskussionen anzustoßen und hoffentlich auch den einen oder anderen Impuls für den beruflichen Alltag zu setzen. Die Entscheidung, hier aufzuhören, ist mir alles andere als leichtgefallen. Umso mehr möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bei allen Leserinnen bedanken, die meine Beiträge über die Jahre begleitet haben. 

Ein großes Dankeschön gilt auch dem gesamten OVE Fem-Organisationsteam für das Vertrauen und die Möglichkeit, hier über so lange Zeit sichtbar sein zu dürfen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Wenn Du weiterhin im Austausch bleiben möchtest, freue ich mich sehr über eine Vernetzung auf LinkedIn. Der Dialog über die Zukunft unserer Arbeitswelt geht für mich natürlich weiter. Vielen herzlichen Dank für diese gemeinsame Zeit!

Andrea König
Soziologin, Business Mentraltrainerin
Gründerin von Karrieregeflüster – Blog für New Work mit Haltung

Andrea König beschäftigt sich mit psychischer Gesundheit im Arbeitskontext, mit kritischen Perspektiven auf Führung, Vereinbarkeit und systemische Widersprüche in der modernen Arbeitswelt. 

Neben ihrer Tätigkeit im HR-Bereich eines Großkonzerns schreibt sie über das, was viele nur leise denken – und setzt Impulse, die zum Nach- und Weiterdenken einladen.