OVE Fem-Interview mit Eva Tatschl-Unterberger

Lächelnde Frau in einem hellgrünen Kleid vor dunklem Hintergrund.

Eva Tatschl-Unterberger verbindet internationale Mikroelektronik-Expertise mit langjähriger Führungserfahrung im Innovations- und Energiebereich. Nach ihrem Elektrotechnikstudium an der TU Graz und einem MBA in Indien arbeitete sie für Infineon in den USA, Deutschland und Österreich und baute später die DigiTrans GmbH als Testlabor für automatisiertes Fahren auf. 

Heute gestaltet sie als Geschäftsführerin der Kärnten Netz GmbH zentrale Zukunftsthemen wie Netzausbau, Versorgungssicherheit und Energiewende maßgeblich mit.

Technik trifft Leadership: Transformation gestalten, Zukunft ermöglichen

OVE Fem: Welche beruflichen Vorstellungen hatten Sie als Jugendliche – war Ihr Interesse für Technik schon damals vorhanden?

Eva Tatschl-Unterberger: Mein Interesse für Technik war sehr früh vorhanden. Bereits in meiner Kindheit hat mich fasziniert, wie Dinge funktionierenIch wollte experimentieren und verstehen, nicht nur verwenden. Lego war für mich der erste Zugang zur Technik. Ich wünschte mir mit sechs Jahren einen Lego-Zug und habe damit erste Erfahrungen mit Strom gemacht. Ich hatte einen kleinen Trafo, zwei Lokomotiven und drei Waggons. In der Unterstufe hat mich alles interessiert, ich war gut in Mathematik und Physik, hätte aber genauso Medizin oder Jura studieren können.  Zur Elektrotechnik bin ich dann zufällig gekommen. 

OVE Fem: Gab es prägende Personen oder Erlebnisse, die Ihr Interesse an Elektrotechnik geweckt habe

Tatschl-Unterberger: Ein sehr prägender Einfluss kam aus meiner Familie: Mein Vater war Lehrer für Mathematik und technisches Werken. Als an seiner Schule die ersten Computer eingeführt wurden, durfte ich oft mitkommen, wenn im Keller die Geräte eingerichtet und getestet wurden. Zu jedem Computer gehörte ein BASIC‑Handbuch, das ich neugierig durchgearbeitet hatte – mit sieben Jahren brachte ich mir auf einem Commodore 64 das Programmieren selbst bei. Aus dieser frühen Affinität zur Informatik entschied ich mich später für die HTL für Elektronik mit dem Zweig Technische Informatik in Salzburg. Die Liebe zur Elektrotechnik habe ich erst im Laufe der Ausbildung entdeckt. Gerade deshalb ist es so wichtig, Mädchen und jungen Frauen den Einstieg in die Technik zu erleichtern und sie in der Schule oder an der Uni an Technik heranzuführen – viele Talente zeigen sich erst, wenn man den Raum dafür bekommt.

OVE Fem: Rückblick auf das Studium der Elektrotechnik an der TU-Graz: Was kommt Ihnen hier als Erstes in den Sinn?

Tatschl-Unterberger: Als Erstes denke ich an die unglaubliche Breite des Studiums: von Grundlagenphysik bis zu hochspezialisierter Mikroelektronik. Es war fordernd, aber auch inspirierend – und es hat mir ein technisches Fundament gegeben, das mich meine gesamte Karriere begleitet. Ebenso ist mir in Erinnerung geblieben, wie stark Frauen damals in der Unterzahl waren. In meinem Jahrgang haben rund 220 Studierende begonnen, darunter nur zwei oder drei Frauen. Umso wertvoller ist für mich der regelmäßige Austausch mit den Elektrotechnikerinnen meiner Studienzeit, der bis heute besteht. 

OVE Fem: Als Zusatzqualifikation erwarben Sie einen MBA in Marketing und Finanzen am Management Development Institute in Gurgaon/Indien. Wie kam es dazu, für diese Ausbildung nach Indien zu gehen und was haben Sie aus diesem Aufenthalt mitgenommen?

Tatschl-Unterberger: Durch die berufliche Station meines Mannes sind wir als Familie mit drei kleinen Kindern nach Indien übersiedelt. Wir hatten beide schon Erfahrung aus drei Jahren Arbeit in den USA und wollten das noch einmal mit neuen Eindrücken ergänzen. Indien bot dafür die perfekte Mischung aus Abenteuerlust, kultureller Vielfalt und vielfältigen Chancen, Neues zu lernen. 

OVE Fem: Damals war mir auch schon klar, dass ich mehr wirtschaftliches Know-how brauche, um schneller näher an die Schalthebel in einer Firma zu kommen. Ich wollte dorthin, wo die Entscheidungen getroffen werden.

Tatschl-Unterberger: Die Unterstützung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung machte es mir möglich, in Indien noch einmal zu studieren. Das Land und das Studium waren für mich ein echter Augenöffner, fachlich wie persönlich. Die starke wirtschaftliche Orientierung und das hohe Niveau meiner Universität haben mich beeindruckt. Gerade als Technikerin war es besonders bereichernd, bewusst in die wirtschaftliche Perspektive einzutauchen und von den internationalen Blickwinkeln der Lehrenden zu profitieren. 

OVE Fem: Sie haben viele Jahre in der Mikroelektronik gearbeitet, unter anderem bei Infineon. Welche Kompetenzen aus dieser Zeit sind heute besonders wertvoll?

Tatschl-Untergerger: In der Mikroelektronik war für mich besonders das systemische Denken prägend: komplexe Zusammenhänge zu erfassen und Wechselwirkungen mitzudenken. Gerade in der Analogschaltungsentwicklung ist die Komplexität hoch – sehr mathematisch und physikalisch – und man muss Effekte zuverlässig einordnen, um am Ende stabile Lösungen zu entwickeln. Außerdem lernt man, neue Entwicklungen weltweit zu beobachten und rasch einzuschätzen, welche Technologien und globale Erkenntnisse künftig wirklich relevant werden. Ein weiterer Schwerpunkt war das Arbeiten in großen, international organisierten Projekten. Vieles spielt sich in der virtuellen Welt ab: Simulationen, Prognosen und Digitale Zwillinge helfen dabei, Systeme „vorab“ zu testen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Diese Kombination aus analytischem Denken, Vorstellungskraft und effektiver Projektsteuerung ist heute in vielen Rollen besonders wertvoll.

OVE Fem: Vor Ihrer Bestellung zur Geschäftsführerin der KNG-Kärnten Netz haben Sie mit der DigiTrans GmbH ein Innovationslabor für automatisiertes Fahren aufgebaut. Mit welchen Herausforderungen waren Sie hier konfrontiert? 

Tatschl-Unterberger: Wir sind mit einer Vision gestartet, für die es anfangs kaum Strukturen gab. Die Herausforderung war, DigiTrans von null auf aufzubauen – ohne gesichertes Budget, mit Teamaufbau und dem parallelen Aufbau von Regulierung, Testinfrastruktur, Partnernetzwerken und Sicherheitsstandards. Vieles davon musste erst geschaffen werden.

Technisch war eine der größten Aufgaben, Tests für automatisiertes Fahren unter realistischen Bedingungen zu ermöglichen – insbesondere bei schlechter Witterung. Deshalb haben wir uns auf Tests im Regen spezialisiert und dafür sogar eine Regenanlage aufgebaut. Dabei ist bei mir wieder die „Entwicklerseele“ durchgekommen: komplexe Probleme zu zerlegen, Lösungen zu testen und Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Entstanden ist eine weltweit einzigartige, mehrere hundert Meter lange Regenanlage, in der man die Tropfengröße steuern kann, und auf der heute amerikanische Hersteller in Österreich testen.

OVE Fem: Von der DigiTrans zur KNG: Was hat Sie persönlich an der Aufgabe, die KNG gemeinsam mit Michael Marketz zu führen, gereizt

Tatschl-Unterberger: Die Energiewirtschaft ist aktuell einer der entscheidenden Hebel, um Europa nach vorne zu bringen, um es strategisch unabhängiger, stärker und eigenständiger zu machen. Ein Netzunternehmen spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die Kombination aus hoher technischer Komplexität, gesellschaftlicher Verantwortung und der Möglichkeit, die Energiezukunft aktiv mitzugestalten, hat mich sofort angesprochen. Besonders reizvoll ist für mich das Spannungsfeld zwischen höchster Verlässlichkeit und der Notwendigkeit, neue Wege zu gehen und innovativ zu sein. Versorgungssicherheit muss jederzeit gewährleistet sein – und gleichzeitig gilt es, offen für neue Technologien und Lösungen zu bleiben.

OVE Fem: Welche Erkenntnisse aus der Mobilitäts- und Innovationsbranche können Sie nun in die Energiewirtschaft miteinbringen?

Tatschl-Unterberger: Sehr viel: agiles Arbeiten, schnelles Testen und Weiterentwickeln, moderne Kooperationen und ein innovationsfreundliches Mindset. Außerdem ein tiefes Verständnis dafür, wie neue Technologien – von E-Mobilität bis Digitalisierung – miteinander interagieren und was sie von Netzinfrastrukturen verlangen.

OVE Fem: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für ein Netzunternehmen in den kommenden Jahren

Tatschl-Unterberger: Ganz klar: Wir brauchen eine massive Beschleunigung des Ausbaus. Die Netze müssen so weiterentwickelt werden, dass sie Photovoltaik, Wärmepumpen, E-Mobilität und neue Lastprofile zuverlässig aufnehmen können – und das bei höchster Resilienz und Versorgungssicherheit. Zugleich muss all das volkswirtschaftlich kosteneffizient gelingen, trotz wachsender Komplexität. Wir brauchen dafür enorme Innovation im Management der Netze, wir müssen ständig neue Wege gehen und unsere langjährigen Vorgehensweisen und Grundsätze hinterfragen, uns quasi neu erfinden.

OVE Fem: Versorgungssicherheit, Netzausbau und Speichertechnologien: Wo sehen Sie Österreich im europäischen Vergleich?

Tatschl-Unterberger: Österreich hat eine hervorragende Ausgangsposition, insbesondere bei Versorgungssicherheit und erneuerbarer Erzeugung. Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, dass rund zwei Drittel unseres Energiebedarfs nach wie vor durch fossile Importe gedeckt werden – Wertschöpfung, die größtenteils ins Ausland abfließt und uns in ein Abhängigkeitsverhältnis bringt.

Umso wichtiger ist es, den Ausbau erneuerbarer Erzeugung im eigenen Land weiter voranzutreiben und zugleich die Netzinfrastruktur so weiterzuentwickeln, dass sie diese Entwicklung zuverlässig unterstützt. Speichertechnologien werden sich in den nächsten Jahren noch stark weiterentwickeln und im Zusammenspiel zwischen regionaler Erzeugung und Verbrauch eine große Rolle spielen. 

Wenn wir uns international behaupten wollen, gibt es nur eines: Vorwärts!! Wir müssen als Gesellschaft klare Entscheidungen treffen und diese auch durchhalten und umsetzen, das heißt Projekte entwickeln, Projekte umsetzen, in neue Technologien investieren, die Ärmel hinaufkrempeln und machen.

OVE Fem: Wie kann ein regionales Netzunternehmen wie die Kärnten Netz zur Erreichung der Klimaziele beitrage

Tatschl-Unterberger: Indem wir Netze ausbauen, digitalisieren und flexibilisieren ermöglichen wir Photovoltaik‑Anlagen, Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur und klimafreundliche Industrieprozesse – ohne ein leistungsfähiges Netz kann keine Energiewende stattfinden. Wir ermöglichen auch, dass bei uns erneuerbare Erzeugung gebaut werden kann. Damit schaffen wir Wertschöpfung und Unabhängigkeit in unserem Bundesland  und setzen uns schlussendlich auch für den Erhalt unserer Umwelt für die nächste Generation ein. Wir bauen Leitungen für 80 Jahre und beschäftigen uns daher ständig mit enkeltauglichen Entscheidungen.

OVE Fem: Frauen in der Technik in Führungspositionen: Was bedeutet für Sie moderne Führung in einem technischen Infrastrukturunternehmen?

Tatschl-Unterberger: Moderne Führung bedeutet für mich Klarheit, Vertrauen und Empowerment. Es geht darum, Teams zu befähigen, nicht zu kontrollieren. Diversität spielt eine große Rolle – unterschiedliche Perspektiven machen Unternehmen resilienter und innovativer. Ebenso ist eine gemeinsame Vision entscheidend: ein klares Bild davon, wohin wir als Team wollen. Wenn dieses Ziel geteilt wird, bündelt sich Expertise und Energie –für mich ist das die Basis wirksamer Führung.

OVE Fem: Führung bedeute auch Verantwortung zu tragen, viel Zeit und Energie zu investieren, alles für das Team und die Sache zu geben. Dazu müssen Frauen auch bereit sein, wenn sie diese Rolle übernehmen wollen.

Tatschl-Unterberger: Für mich persönlich ist die Führung eines technischen Unternehmens genau das, was mir am meisten Spaß macht.

OVE Fem: Welche Themen und Aktivitäten begeistern Sie außerhalb der Arbeitswelt?

Tatschl-Unterberger: Meine drei Kinder standen in den letzten zwei Jahrzenten ganz klar im Mittelpunkt all meiner Aktivitäten in der Freizeit. Momentan verändert sich dort viel, weil sie erwachsen werden und mein Mann und ich daher jetzt plötzlich wieder beginnen, Zeit für uns zu haben.

Wir verbringen gerne Zeit in der Natur, ich tanke Energie beim Skifahren oder beim Schwimmen in den Kärntner Seen. Ich liebe Aussicht und schaue gerne von den Bergen in die Ferne. Ich reise auch sehr gerne – das Abenteuer und neue Perspektiven inspirieren mich.  Außerdem liegen mir Familie und Freundschaften sehr am Herzen, denn sie geben Balance und Erdung im oft intensiven beruflichen Alltag.