David gegen Goliath? Wie europäische Suchmaschinen digitale Zukünfte neu denken und gestalten

Google hält mit rd. 30 Jahren technologischem Vorsprung bei der Indexierung von Web-Inhalten eine klare globale Monopolstellung. Diese hegemoniale Rolle bei Suchmaschinen spiegelt sich in Europa in einem Marktanteil von 93 % wider, der damit sogar über jenem in den USA liegt.

Der Silicon Valley-Konzern ist mit seinem Trade-off, also dem Tausch von Gratisdiensten für Profildaten, das Musterbeispiel für weltweiten Netz-Kapitalismus. In diesem Modell erfolgt die Generierung von Profit quasi durch organisierte ökonomische Operationen im Netz.
 

Kommerzielle Dynamiken

Such-Technologie ist, wie jede andere Technologie auch, niemals neutral, sondern bildet gesellschaftliche Verhältnisse ab und verfestigt sie. Durch Millionen Suchanfragen wird Google täglich mit neuen Kundendaten gefüttert, die dann von nicht transparenten Algorithmen in Nachfragemuster transformiert werden. Damit geht der Datenhandel weit über die eigentliche Suche hinaus.

Wenn man jetzt noch miteinbezieht, dass viele Unternehmen als Webseiten-Betreiber mit Suchmaschinen-Optimierung (Search Engine Optimization) alles daran setzen, bei Google-Suchanfragen weit vorne gereiht zu werden, dann wird einsichtig, warum sich kommerzielle Dynamiken eher in den Suchmaschinen-Ergebnissen widerspiegeln als eine Ausgewogenheit an diversen Lebensbezügen und kulturellen Daseinsmustern.
Auch die immer heftiger werdende Diskussion um Gender Bias oder Race Bias und verschiedenste Formen der Diskriminierung kann vielleicht jetzt – speziell in einem wertebasierten Europa – die Chance eröffnen, Suchmaschinen auch nicht-kommerziell zu denken.

In meinem aktuellen Habilitations-Projekt „Algorithmische Imaginationen“ (finanziert durch den FWF) untersuche ich drei europäische Suchmaschinen-Projekte, um herauszufinden, welche „Counter-Imaginaries“, also Gegenmodelle zum Monopolisten Google, diese vorantreiben.

Dabei stellen sich so zentrale Fragen wie: „Welche Gegenvorstellungen können alternative Suchmaschinen-Projekte voranbringen? Wie lassen sich diese in Such-Technologie kodieren und welche Herausforderungen sind dabei zu bewältigen? Und welche Rahmenbedingungen braucht es, um über die eigene Community hinaus wachsen zu können?
 

Europäische Suchmaschinen-Projekte

Wenn man Suchmaschinen als Basisinfrastruktur begreift, ohne die das Netz nicht benutzt werden kann, und den Zugang zu Wissen als öffentliche Aufgabe betrachtet, dann braucht es zuallererst eine Datenbank, in der alle Webseiten und Inhalte, die über das Internet zugänglich sind, erfasst werden.

Seit 2015 wird diese Idee von der Initiative „Open Web Index“ (OWI) verfolgt und ist mittlerweile in ein zweites Teilprojekt, die „Open Search Foundation“ (OSF), gemündet. Das Ziel der Initiative ist es, einen möglichst umfassenden Index aufzubauen, auf dessen Datenbasis Suchmaschinen unterschiedlicher Art aufsetzen können.

Eine solche Diversifizierung der Suchmaschinen-Anbieter-Landschaft würde zur erforderlichen Unabhängigkeit von Medien und Internet-Technologie im öffentlichen Interesse führen, die eine lange Tradition in Europa hat.

Das zweite Projekt, welches ich im Rahmen meiner Arbeit untersuche, ist die deutsche Suchmaschine YaCy, mit der man Internetwissen transparent und basisdemokratisch erschließen will. Die Technologieentwicklung erfolgt vielfach auf OpenTechSummits nach dem Peer-to-Peer-Prinzip.

Bei dieser Suchmaschine tragen alle User:innen zum Aufbau eines offenen Index bei, der dezentral verteilt auf ihren Rechnern liegt. Das bedeutet aber auch, dass die Suchabfragequalität davon abhängig ist, wie viele Nutzer:innen (Peers) sich an dem Aufbau des Web-Index beteiligen.

Parallel dazu wird mit SUSI.AI ein virtueller Assistent auf Basis frei verfügbarer Open Source Software als Gegenstück zu Google Home und Alexa oder Siri entwickelt. Beim dritten untersuchten Projekt, der niederländischen Suchmaschine „Startpage“, steht schließlich „Privacy“, also eine datenschutzfreundliche Nutzung, im Vordergrund.

Der Index greift auf Google zurück, es werden allerdings keine Nutzerdaten (IP-Adressen) gespeichert oder an Google übermittelt. Das Unternehmen verzichtet damit auf personalisierte Werbung (targeted advertising) und nutzt für die Finanzierung nur zu den Suchwörtern selbst passende Anzeigen.

Die Respektierung der Privatsphäre der Nutzer:innen bei der technischen Implementierung trug Startpage eine Auszeichnung mit dem Europäischen Datenschutz-Gütesiegel ein.
 

Recht - Ethik - Demokratie

Was es jetzt braucht ist, dem technisch durchaus Machbaren einen politischen Willen folgen zu lassen, wenn es um die Finanzierung europäischer Suchmaschinen geht, in denen sich rechtliche, ethische und demokratisch-zivile Prinzipien wiederfinden.

Zudem braucht es offene, föderierte und dezentralisierte Daten (z. B. Data Commons) oder das Öffnen bislang „geschlossener“ Daten von US-amerikanischen Tech Konzernen (z. B. mittels Data Sharing-Mandaten), mit denen alternative Algorithmen entwickelt werden können.

Neben der Technik wird vor allem unsere Governance darüber entscheiden, wer künftig Internet-Inhalte anhand welcher Richtlinien bereitstellt und moderiert, wer damit die Hoheit über öffentliche Debatten und letztlich unsere Sicht auf die Welt behalten will.

In einem offenen Web-Index könnte man die kulturelle, wirtschaftliche und politische Diversität des Kontinents mit den unveräußerlichen gemeinsamen Werten verschränken und damit eine echte Alternative zu kommerziellen Giganten wie Google ermöglichen.

(Zusammenfassung des Vortrags im Zuge des International Digital Security Forums (IDSF) in Wien, Juni 2022)

Dr. Astrid Mager
Institut für Technikfolgen-Abschätzung
Österreichische Akademie der Wissenschaften