125-jährigen Jubiläums des OVE

e&i-Interview mit Em. O. Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Alexander Weinmann

Em. O. Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Alexander Weinmann war langjähriger Dekan der Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik sowie 36 Jahre lang Vorstand des Instituts für Automatisierung und Regelungstechnik an der TU Wien. Seit 1961 aktives Mitglied im OVE, engagierte er sich vor allem im Editorial Board der e&i. Professor Weinmann wurde 2006 mit der Goldenen Stefan-Ehrenmedaille, der höchsten Auszeichnung des OVE, geehrt. Die e&i bat ihn anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des OVE und der e&i zu einem Rückblick, einer Einschätzung der aktuellen Position und einen Blick in die nahe Zukunft.

e&i: Herr Professor Weinmann, Sie sind seit 47 Jahren aktives und reges Mitglied im Österreichischen Verband für Elektrotechnik und haben sich in dieser Zeit stets zum Wohle des OVE eingesetzt. Was waren Ihre Beweggründe, dem Verband gleich am Beginn Ihrer Laufbahn beizutreten?
Alexander Weinmann: Nach der damaligen zweiten Staatsprüfung war der OVE für mich eine wichtige Orientierungshilfe für das berufliche Umfeld. Über den OVE konnte ich viele Informationen beziehen und interessante Personen kennenlernen. Zwar war damals das Gebiet der Automatisierung, auf dem ich mich zu spezialisieren hatte, im OVE noch wenig vertreten, aber den Auf- und Ausbau dieser Fachrichtung konnte man mitgestalten. Auch die internationalen Verbindungen des OVE waren wesentlich. Dazu kam für mich die angenehme Überraschung, als Mitglied die Verbandszeitschrift EundM kostenlos zu beziehen.

e&i: Welchen Stellenwert hatte zu dieser Zeit die EundM, Vorläuferin der e&i, im Bereich der Publikation von technisch-wissenschaftlichen Originalarbeiten?
Weinmann: Die EundM war in meinen Augen ein absolut ebenbürtiges Organ zur deutschen ETZ1 des VDE und zum Schweizer Bulletin2 des SEV. Parallel dazu gab es natürlich bedeutende amerikanische technisch-wissenschaftliche Zeitschriften, die aber zum damaligen Zeitpunkt noch nicht so intensiv für Publikationen genutzt wurden.

e&i: Im Vergleich zur ETZ und dem Bulletin hat sich die EundM/e&i mit der Herausgabe von Heften zu jeweils einem Themenschwerpunkt in eine andere Richtung entwickelt. Sie hat dabei stets Wert auf die hohe Qualität der wissenschaftlichen Originalarbeiten gelegt, dies vor allem auch unter Ihrer Leitung als Mitglied des Editorial Boards. Wie beurteilen Sie die e&i jetzt im internationalen Umfeld?
Weinmann: e&i widmet sich der gesamten Elektrotechnik einschließlich vieler Bereiche der Informationstechnik, wofür es sicher weltweit über hundert Spezialzeitschriften gibt. Wenn e&i alle Gebiete gemeinsam in einer Ausgabe abdecken wollte, dann wäre es im internationalen Vergleich eine zu große Mischung. Mit der Herausgabe von Schwerpunktheften jeweils zu einem spezifischen Wissensgebiet wechselt zwar das Fachgebiet von Heft zu Heft, aber dadurch kann jedes einzelne Heft eine Qualität erreichen, die mit internationalen Zeitschriften vollends vergleichbar ist.

e&i: Sie sind seit 1995 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat/Editorial Board der e&i. Was waren Ihre Beweggründe, sich dieser zeit- und arbeitsintensiven Aufgabe für die e&i zu stellen?
Weinmann: Der Auslöser dafür war, dass mir im Jahr 1995 die Ehre zuteil wurde, aufgrund meiner zurückliegenden Leistungen für den Verband zum OVE-Ehrenmitglied ernannt zu werden. Ich wollte es aber damit nicht beruhen lassen, sondern weiterhin dem Verband und seinen Mitgliedern mit einer entsprechenden Dienstleistung zur Verfügung stehen. Mein damaliges Angebot in meiner Dankesrede, in der Schriftleitung der e&i mitzuwirken, wurde sehr freudig angenommen. Darüber hinaus war es mir ein Anliegen, die noch stark in Entwicklung befindliche Automatisierungstechnik etwas stärker in die Verbandszeitschrift einzubringen.

e&i: Zurück zu Ihrer Laufbahn: 1968 wurden Sie, erst 31-jährig, zum Ordentlichen Universitätsprofessor für elektrische Regelungs- und Steuertechnik an der Technischen Universität Wien berufen. Wenn Sie Ihre wissenschaftliche Laufbahn Revue passieren lassen, wie schafft man es, stets am Puls der Zeit zu bleiben und immer die aktuellen Themenfelder in der Forschung zu besetzen?
Weinmann: Auf einem Wissensgebiet am Laufenden zu bleiben, ist sicherlich eine enorme zeitliche Herausforderung, meist über Buch- und Zeitschriftenliteratur, Auslandsaufenthalte mit Kongressbesuchen und dergleichen. Doch wenn die Wissenschaft als Hobby betrachtet wird, dann opfert man natürlich gerne viel Zeit. Man stellt dabei immer wieder fest, wie viele Fachgebiete es gibt, die man zwar kennt, aber selbst nicht bearbeiten kann.

e&i: Eine letzte Frage zur Automatisierungstechnik, nachdem Sie jetzt 40 Jahre in dem Gebiet wissenschaftlich arbeiten, forschen und publizieren: Gibt und gab es in diesen 40 Jahren Meilensteine, von denen man sagen könnte, sie hätten der Automatisierungstechnik zu einem „Quantensprung“ verholfen?
Weinmann: Ich gehe mit Superlativen gerne vorsichtig um. Allerdings sieht man, wenn man auf diese Jahrzehnte zurückblickt, dass es große, wenn auch eher kontinuierliche, Entwicklungen gegeben hat: Elektronik in ihren vielfältigen Ausformungen und in ihrer Hochintegration und industriellen Vernetzung, die rechnergestützten Modellierungsmethoden usw.

e&i: Sie standen 36 Jahre lang dem Institut für Automatisierung und Regelungstechnik als Vorstand vor. In dieser Zeit sind große Umwälzungen passiert, Stichworte Mondlandung, Ölkrise, erster PC, Internet, Mobiltelefonie etc. Welche Auswirkungen hatten diese Ereignisse und Entwicklungen auf Ihr universitäres Umfeld?
Weinmann: Ein ganz wesentlicher Schritt war, dass die Elektronik im industriellen Sinn und die schnellen leistungsfähigen Computer die Möglichkeit geboten haben, viele bis zu diesem Zeitpunkt nur als Vision bestehende Konzepte wirklich in die Tat umzusetzen. Diese Entwicklung hat natürlich viele elektrotechnische Fachgebiete verändert, die Automatisierung im Speziellen und unter technischer Optimierung mit sehr leistungsfähigen Strategien. Sie wird heute dadurch verändert, vielleicht auch gebremst, dass sie in ein – in der Öffentlichkeit oft verzeichnetes – Spannungsfeld gerät, zwischen den Vorteilen durch Technik und ihren negativen Auswirkungen, wie z. B. CO2-Ausstoß und Elektronikschrott. In meinen Augen wird es nur dadurch eine Lösung geben, neben bewussten Einschränkungen im Ressourcenverbrauch und bei Abfällen den Einsatz von mehr komplexer Automatisierungstechnik zu forcieren, unter ganz anderen Gütekriterien. Es wäre auch heute schon möglich, dass die Technik strengste ökologische Auflagen erfüllt, allerdings ist derzeit erst wenig Bereitschaft vorhanden, den dafür entsprechend höheren Preis zu bezahlen.

e&i: Wie hat sich die Universitätslandschaft in dieser Zeit entwickelt?
Weinmann: Wir halten an der Fakultät weiterhin die methodenorientierte forschungsgeleitete Lehre hoch, mit dem Angebot, tiefgehendes Verständnis zu erwerben, Wissen ohne Ablaufdatum. Das darf man nicht abwertend als Theorie abtun. Jede Möglichkeit steht offen, in einem speziellen Gebiet die sehr anwendungsnahe Vertiefung zu erleben. Ein Hochlohnland wird HighTech anbieten und leisten müssen. In den langen Jahren meiner Tätigkeit als Institutsvorstand und Dekan hat sich die Universität nicht nur in der Form verändert, sondern es hat sich vielmehr das Universitätsbudget aus Zweit- und Drittmitteln sehr positiv entwickelt. An der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik der TU Wien werden die Personalausgaben für wissenschaftliches Personal aus dem Bundeshaushalt bereits von jenen aus selbst eingeworbenen Mitteln übertroffen.

e&i: In den 1970er Jahren wurde die Fakultät für Elektrotechnik an der TU Wien aus der Taufe gehoben. Sie waren entscheidender Proponent dieser Gründung und standen der jungen Fakultät seit 1976 in mehreren Perioden als Dekan vor. Wieso war gerade damals die Zeit zur Gründung einer eigenen elektrotechnischen Fakultät reif?
Weinmann: Die Elektrotechnik hat sich in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts aus und mit dem Maschinenbau entwickelt, wie das etwa an der elektrischen Traktion im Eisenbahnwesen zu erkennen ist. Die Elektrotechnik hat sich jedoch immer mehr in eigenständige Gebiete verbreitet, insbesondere die Nachrichten- und Computertechnik. D. h. der Maschinenbau war ein wichtiger Partner, aber eine Weiterentwicklung der Elektrotechnik in dieser organisatorischen Einheit hätte zu kurz gegriffen. Dazu kamen nämlich bedeutende Partner aus der Informatik, der angewandten Physik, Bionik und weiterer Disziplinen.

e&i: Was hat sich innerhalb der Fakultät durch die Autonomie der Universitäten mit dem Universitätsgesetz UG 2002 geändert?
Weinmann: Die Autonomie der Universitäten bietet raschere Möglichkeiten, bewährte Strukturen und Inhalte mit neuen Herausforderungen zu verknüpfen. Konkret bedeutet das, die Forschung kann rascher auf einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren ausgerichtet werden. Früher war der Zeithorizont etwa auf 30, 40 Jahre ausgelegt und darüber hinaus viel stärker an der Lehre als an Forschungszielen orientiert. Die Universitäten agieren jetzt eigenverantwortlich und werden dafür auch in die Verantwortung genommen. Stärken können besser betont und Kooperationsmöglichkeiten, auch international bei EU-Projekten, viel rascher genutzt werden.

e&i: Sie sind ein fundierter Kenner des OVE und haben die Entwicklung des Verbandes über lange Jahre mitgestaltet. Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten Jahrzehnten im Verband geändert? Wie schätzen Sie die derzeitige Positionierung des OVE ein?
Weinmann: Ohne Zweifel ist in den letzten Jahren viel Schwung in den OVE gekommen. Die weitere Entwicklung des OVE schiene mir darin sehr gut vorgezeichnet – wie es durch den youngOVE erfolgt –, sich um den innovationsfreudigen technisch-wissenschaftlichen Nachwuchs zu kümmern.
Ein anderes Thema, dem sich der OVE annehmen könnte, wäre, junge Damen stärker für die Elektronik zu motivieren. Ästhetisch ist in ihr vieles sehr ähnlich einer edlen Architektur. Die Fakultät Elektrotechnik Informationstechnik an der TU Wien hatte in den letzten Jahren bemerkenswerte Erfolge, junge Damen zu begeistern und anzustellen.

e&i: Im Herbst 2005 erfolgte Ihre Emeritierung. Wie hat sich dadurch Ihr Alltag verändert? Können Sie seitdem mehr Freizeit bzw. Zeit für Ihre Hobbys genießen?
Weinmann: Mit der Emeritierung kann man die akademische Organisation und die akademische Lehre an andere übergeben. Was ein Emeritus weiterführen soll und kann, ist die akademische Forschung. Dadurch ändern sich nicht nur die Prioritäten, sondern ganz wesentlich auch die persönliche Zeiteinteilung. Verstärkt nehme ich mir das eine oder andere Problem einer mathematischen Modellierung auf eine Bergtour oder einen Waldlauf mit. Und es ist nicht zu verachten, dass man währenddessen so manche Lösung findet. Motorik und höhere Sauerstoffkonzentration führt halt zu Inspiration.
Die Tätigkeit als Wissenschafter wird natürlich dadurch wesentlich beflügelt, wenn man – so wie ich – ein erfülltes Familienleben hat und eine verständnisvolle Ehefrau, die Ausgleich schafft und einem sehr viel abnimmt, so dass man selbst viel Zeit für die Wissenschaft aufbringen kann.

e&i: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führten Dipl.-Ing. Peter Reichel und Mag. Jutta Ritsch



1) Zeitschrift des VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik, dem deutschen Schwesternverband des OVE.
2) Zeitschrift der electrosuisse SEV Verband für Elektro-, Energie- und Informationstechnik, dem Schweizer Schwesternverband des OVE.
uh      01/07/2008 12:12


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