Zu Gast im infozin: Lothar Lochmaier

Meeresenergie: Jahr der Entscheidung - Wie realistisch ist der Traum?

Das Energiepotenzial der Meere, das in den Wellen und Strömungen der Ozeane schlummert, ist e-norm: Der Konzern Voith Siemens Hydro, weltweit eines der führenden Unternehmen im Bau von Wasserkraftwerken, hat eigene Berechnungen angestellt. Ganze Städte könnten mit Strom versorgt werden. Schon die Nutzung von nur zehn Prozent des theoretisch verfügbaren Gesamtpotenzials von 1,8 Terrawatt brächte einen enormen Gewinn: Das Unternehmen beziffert das tatsächlich verfügbare Potenzial der Meeresenergie auf einem Anteil von 3,5 Prozent am gesamten weltweiten Energie-verbrauch.

Weltweit hält Voith Siemens den Bau von 70 000 Wellen- und Gezeitenkraftwerken in den nächsten zwei Jahrzehnten für durchaus realistisch. Zweifellos macht die Markteinführung von Wellen-, Gezei-ten- und Strömungskraftwerken weitere Fortschritte: Es wird entscheidend sein, ob in den kommen-den fünf bis zehn Jahren die Prototypen im Dauerbetrieb zuverlässig arbeiten. Erst mit steigenden Stückzahlen wird die Technik preiswerter, und folgt durch Skaleneffekte damit dem Beispiel der Wind-energie.

Für die Industrie ist die bevorstehende Markteinführung trotz gestiegener Energiekosten und anhal-tend hoher Rohstoffpreise vor allem eine wirtschaftliche Abwägung. Experten rechnen mit Erzeu-gungskosten, die mit rund zehn Cent pro Kilowattstunde ungefähr auf dem Niveau der Windenergie liegen. Jedoch ist diese Zahl stark von den technischen Varianten und Kosten für die Unterwasserka-bel abhängig, die für den Stromtransport bis an Land benötigt werden.

Die Hoffnungen ruhen jetzt vor allem auf britischen Unternehmen wie Wavegen, Ocean Power Delive-ry und Marine Current Turbines, die sich im Umfeld einer aufgeschlossenen Wagniskapitalkultur etab-liert haben. Die technologischen und kommerziellen Randbedingungen mit den führenden Unterneh-men auf der britischen Insel lassen erstmalig die Nutzung der Wellen- und Gezeitenenergie in Reich-weite erscheinen. Beträchtliche Forschungsmittel, Forschungszentren mit Installationsmöglichkeiten und sinnvolle Vergütungen für die erzeugte Energie haben eine Professionalisierung und Kommerziali-sierung der Branche eingeleitet, der sich nun auch die Industrie nicht weiter verschliessen kann.

Profundes Know how ist erforderlich, um die ungestüme Energie in einem derart stürmischen Umfeld mit einer robusten Anlagentechnologie zu bändigen, zeigte das erste deutsche Forum „Meeresenergie“ Mitte Januar in Berlin. Bis aber der innovative Forschergeist tatsächlich marktreife Produkte generie-ren kann, bedarf es weiterhin einer intensiven Forschung. Wissenschaftliche Sandkastenspiele alleine reichen indes nicht aus. Letzten Endes bestehen können die Kraftwerke nur durch intensive Testpro-zeduren auf offener See.

Aus industrieller Sicht richtet sich das Augenmark auf zwei aussichtsreiche Projekte, das Projekt Pela-mis von Ocean Power Delivery (OPD) – eine auch designtechnisch ausgesprochen spektakuläre Wel-lenschlange ganz in rot, die sich wippend an der Wasseroberfläche bewegt und dabei Energie auf-nimmt - sowie die nicht minder spektakuläre Unterwasserturbine von Marine Current Turbines. So gut wie alle großen internationalen Energiekonzerne haben diese beiden heißesten Kandidaten der Mee-resenergie mittlerweile auf dem Radar.

Bereits Mitte 2006 soll nun, nachdem die Betreiberfirma Marine Current Turbines intensive Erfahrun-gen mit dem ersten Pilotprojekt Seaflow sammelte, das Folgeprojekt „Seagen“ mit einer doppelflügli-gen Rotorentechnik am nordirischen Standort Strangford Lough ans Netz. Im Erfolgsfall folgen im darauf folgenden Jahr zehn weitere Unterwasser-Anlagen mit einer Leistung von zehn Megawatt. Auch für die schottische Ocean Power Delivery steht ein vorentscheidendes Härtejahr bevor, wenn die zwei im Norden Portugals aufgestellten „Wasserschlangen“ Pelamis einwandfrei funktionieren sollen.

Die industrielle Erprobung unterschiedlicher Technologien „über Wasser“, „unter Wasser“ und „an Land“ schreitet also voran. Wird 2006 das Jahr des endgültigen Durchbruchs? Selbst erfahrene Exper-ten können diese Frage noch nicht eindeutig beantworten. Denn es wird anders als bei der Windener-gie unterschiedliche und komplementäre Technologien geben. Dies macht es aus Sicht industrieller Projektplaner derzeit ausgesprochen schwierig, die Orientierung zu behalten. Die Kriterien sind schwer zu definieren, wonach kapitalkräftige Investoren das erfolgversprechendste Projekt herausfiltern kön-nen.

Lothar Lochmaier
Freier Fachjournalist in Tübingen
Kontakt. info@wellenenergie
Homepage: www.wellenenergie.de
     11/12/2007 07:33


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